Kurz nach dem Start in die Selbstständigkeit

Kneipenbesitzer über Corona-Hilfe der Regierung: „Man fühlt sich im Stich gelassen“

Alexander Buchholz desinfiziert und reinigt im „Minsdere Pilsstibbsche“ eine der neuen Plexiglasscheiben. Der Jungunternehmer betreibt auch den FSV-Biergarten. Foto: Dörr
+
Alexander Buchholz desinfiziert und reinigt im „Minsdere Pilsstibbsche“ eine der neuen Plexiglasscheiben. Der Jungunternehmer betreibt auch den FSV-Biergarten. 

Alexander Buchholz, Betreiber von „Minsdere Pilsstibbsche“ und FSV-Biergarten, trifft die Krise kurz nach dem Start in die Selbstständigkeit. Er übt Kritik an der Regierung. 

Münster – Um Speck anzusetzen, blieb Alexander Buchholz keine Zeit. Seit Januar betreibt er als Nachfolger von Peter und Silvia Löbig das „Minsdere Pilsstibbsche“, eine Kultkneipe am Münsterer Bahnhof. Außerdem zeichnet er inzwischen solo für Gaststätte und Biergarten der FSV Münster verantwortlich. Gerade wollte Buchholz richtig durchstarten, da zwang ihn das Corona-Virus samt staatlich verordneter Schließung zur Vollbremsung. Die gute Nachricht: Der 33-Jährige hat den Shutdown überstanden, führt beide Objekte fort. Mit der Politik setzt er sich dennoch kritisch auseinander.

Der Jahresstart war vielversprechend: „Der Januar war mein bester Monat“, sagt Buchholz, der schon vorher als angestellter Mitarbeiter zum „Pilsstibbsche“ gehörte. Die Gästeschar habe er vergrößert, neben dem Ü50-Stammpublikum kämen mittlerweile gerade am Wochenende auch viele Jüngere auf einen Schoppen. Die Karaoke-Party im „Stibbsche“ sei ebenso ein voller Erfolg gewesen wie die Après-Ski-Party im Januar auf dem FSV-Gelände. Das zweite Karaoke-Event sowie die „River Night“, an der sich alljährlich auch das „Minsdere Pilsstibbsche“ beteiligt, standen gerade vor der Tür, als es hieß: Nichts geht mehr!

In der Folge galt für den Jungunternehmer: erzwungenes Däumchendrehen, vor allem aber den Shutdown finanziell meistern. „Man fühlt sich im Stich gelassen“, sagt er. „Die Regierung hat die Verantwortung auf die Wirte abgeschoben.“ Grundsätzlich kann Buchholz die Notwendigkeit, etwas gegen die Ausbreitung des Virus’ zu tun, nachvollziehen. Wenn er durch den Shutdown aber schon die Chance auf ein eigenes Einkommen genommen bekomme, müsse es auch eine substanzielle Unterstützung geben.

„Die Soforthilfe ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt er. Die in seinem Fall bis zu 9 000 Euro dürfe er ja ausschließlich für betriebswirtschaftliche Ausgaben nützen. „Was hilft es mir aber, wenn ich die Miete gedeckt habe, zugleich aber nichts verdienen kann, um meine privaten Ausgaben zu bezahlen?“, fragt er rhetorisch. „Ich muss ja auch essen, trinken und meine Wohnung bezahlen.“

Der Einkommensverlust –in seinem Fall 100 Prozent, da ein Lieferservice beim auf Getränke spezialisierten „Pilsstibbsche“ keine Option ist und die FSV-Saison ohnehin generell erst im Mai startet – werde in keiner Form berücksichtigt. Wie für ihn ist es auch für viele andere Selbstständige, die im Normalfall ein gut gehendes Geschäft betreiben, ein No-Go, plötzlich staatliche Grundsicherung in Anspruch zu nehmen, womit sie ohnehin auf ein ziemlich geringes (Alimente-)Niveau abrutschen würden.

Für Buchholz kam das nicht in Frage. „Ich habe von Mitte März bis Mitte Mai von meinem Ersparten gelebt“, erzählt er. „Das hat gerade so gereicht. In den ersten beiden Monaten des Jahres ließen sich ja noch keine großen Rücklagen bilden.“ Hinzu kamen – obwohl er sämtliche 450-Euro-Kräfte entlassen musste (einige hat er nun wieder eingestellt) – zusätzliche Ausgaben, um im „Stibbsche“ und bei der Freien Sportvereinigung die neuen Hygiene- und Abstandsregeln umzusetzen: „Da hat ein Spender für Desinfektionsmittel plötzlich 300 Euro gekostet“, berichtet er von exorbitanten Preisen bei stark nachgefragten Produkten. „Hier mussten die Wirte auf eigene Kosten kräftig investieren, und das nach Wochen ohne Umsatz“, blickt Buchholz zurück. Was in seinem Fall konkret bedeutete, dass er sich die Zahlung der Umsatzsteuer vom Finanzamt stunden ließ, um vom zunächst einbehaltenen Geld die Investitionen zu tätigen. „Aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben“, schaut er auf die kommenden Monate voraus, in denen der Staat das Geld natürlich nachgezahlt haben möchte.

Auch die Zeit seit Mitte Mai, in der die Gastronomie zumindest mit Abstrichen wieder vor Ort bewirten darf, sei nicht leicht. „Es läuft zwar besser als erwartet, zum Beispiel war der Vatertag bei der FSV ein Erfolg“, sagt Buchholz. Neben der ständigen Kontrolle der Abstandsregeln falle aber auch einiges an Bürokratie an: Von jedem Gast muss er Name, Adresse, Telefonnummer und Zeitpunkt der Anwesenheit notieren. „Ob gemeinsame Gäste wirklich zusammen in einem Haushalt leben, kann ich natürlich nicht kontrollieren“, schildert der Wirt die Grenzen des Machbaren. Ein ganzer Ordner mit Papier hat sich so binnen zehn Tagen angesammelt. „Man muss den Leuten dazu viel erklären, zwischendurch immer wieder Speisekarten und Stühle desinfizieren und vieles mehr. Und das alles, während gerade an vollen Tagen wie am Vatertag am Nebentisch andere Gäste vielleicht auf ihre Getränke warten.“ Zudem sind für ihn gleich zwei Kommunen und deren Ordnungsämter zuständig: Münster und Dieburg, weil das FSV-Gelände auf Dieburger Gemarkung liegt.

Hinzu kommt: An volle Hütte und Aufholen des entgangenen Geschäfts ist derzeit noch kaum zu denken. Ins „Pilsstibbsche“ durfte Buchholz bis Dienstag wegen der Fünf-Quadratmeter-Regelung nur 16 Gäste lassen, in die FSV-Gaststätte 18 plus etwa 60 im Biergarten. Nun sind es auch nur unwesentlich mehr. „Der Garten und das große Gelände der FSV ist mein Glück, wenn das Wetter mitspielt“, sagt er.

In der Kneipe am Bahnhof wird es hingegen schon mal eng. Wie in der Nacht von Samstag auf Sonntag: „Da waren gerade 16 Leute bei mir, als gegen ein Uhr eine Gruppe von fünf Personen kam und ebenfalls rein wollte. Die musste ich wieder wegschicken – sie waren ziemlich erbost.“

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare