Reisebranche

Globus-Reisecenter in Corona-Nöten: Viel Arbeit, kein Ertrag

Das Strahlen lässt sich Nadine Sauerwein zumindest fürs Foto nicht nehmen. Zur schwierigen Corona-Lage für das Globus-Reisecenter und die Branche insgesamt spricht die Reiseverkehrskauffrau Klartext. Foto: Dörr
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Das Strahlen lässt sich Nadine Sauerwein zumindest fürs Foto nicht nehmen. Zur schwierigen Corona-Lage für das Globus-Reisecenter und die Branche insgesamt spricht die Reiseverkehrskauffrau Klartext. 

Nadine Sauerwein und ihr Globus-Reisecenter in Münster trifft die Corona-Krise doppelt hart. Bis Ende Mai hat sie bereits 150 stornierte Urlaube registriert. 

Münster – Dieser Apfel schmeckt sehr sauer: „Wir haben null Einnahmen und die Kosten laufen weiter“, sagt Nadine Sauerwein. Die Reiseverkehrskauffrau und Inhaberin des Globus-Reisecenters in Münster ist Teil einer Branche, die die Corona-Krise doppelt hart trifft. Nicht nur durch wegbrechende und zurückzuzahlende Umsätze: Obwohl Sauerwein, ihre Vollzeitmitarbeiterin Eva-Marie Hanke sowie ihre auf 450-Euro-Basis mitarbeitende Mutter Mary Hausberger derzeit nichts verdienen, müssen sie buckeln ohne Ende. Zum Aus für ihr berufliches Lebenswerk, an dem Sauerwein seit zwölf Jahren in der Globus-Passage baut, soll das Virus aber nicht werden: „Ich habe keinen Plan B.“

Den brauchte die 38-Jährige bisher auch nicht. „Mein Reisebüro ist erfolgreich“, erzählt sie. „Ich habe meinen Umsatz seit der Eröffnung am 1. Juni 2008 von Jahr zu Jahr steigern können.“ Nicht nur die Zahlen, sondern auch die Freude am Tun stimm(t)en: „Ich liebe meinen Beruf und mache ihn mit voller Leidenschaft.“ Was auch so bleiben soll, in wirtschaftlicher Hinsicht aber auch in gut geführten Betrieben kein Selbstläufer wird. Zumal alles seine Grenzen hat: „Ich werde mich nicht endlos verschulden, um mein Reisebüro zu erhalten.“

Genau das droht vielen Unternehmen in der Branche jedoch, großen wie kleinen. „Wir haben schon ein paar Krisen gehabt“, sagt Sauerwein. „Die haben sich aber alle nicht in diesem Ausmaß bewegt.“ Die Dimension mit Blick auf ihr Münsterer Reisebüro: „Bis Ende Mai hatten wir 150 stornierte Urlaube.“ Für einen Teil der dahintersteckenden Vermittlungsdienstleitung hat das Globus-Reisecenter seinen Umsatz bereits vereinnahmt: „Es gibt zwei Veranstalter, die unsere Provision direkt nach der Vermittlung der Reise bezahlen“, berichtet Sauerwein. Während andere Veranstalter ihr Büro erst dann bezahlen, wenn die Reise auch angetreten wurde, hat sie von den erstgenannten Veranstaltern das Geld also schon bekommen. „Das muss ich jetzt zurückzahlen“, sagt sie. „Bis zum Jahresende sind das 50 000 Euro.“

Geld, das natürlich nicht auf der hohen Kante liegt, sondern für die laufenden Betriebskosten verwendet wurde, denn mit der Pandemie und der monatelangen Absage aller Reisen rechnete schließlich niemand. Zudem kann das Reisebüro derzeit kaum Neugeschäft generieren – auch wenn in den nächsten Wochen internationale Reisebeschränkungen reduziert werden sollen. Dass Urlaub in Deutschland boomen könnte, hilft Sauerwein ebenfalls wenig. Demnächst will sie zwar einige Touristen in den Bayrischen Wald schicken, „bei uns werden aber besonders gern Fernreisen gebucht“. Viele Menschen hat das Reisecenter schon in die USA, nach Kanada oder Thailand gebracht. Aktuellen Umfragen zufolge kann sich nur ein Prozent der Deutschen vorstellen, in diesem Jahr noch eine Reise mit einem außereuropäischen Ziel anzutreten.

Mehr noch: 37 Prozent der Deutschen wollen oder müssen 2020 ganz aufs Reisen verzichten. Auch Sauerwein weiß um die Nöte vieler Kunden: „Die Leute sind zwar nach wie vor reiselustig. Viele können jetzt aber gar nicht weg, weil sie ihren Urlaub fürs gesamte Jahr schon nehmen mussten, Kinder betreuen müssen und natürlich auch das Geld ein Thema ist.“ Deshalb würden viele Kunden ihre Reisen ins nächste Jahr umbuchen. Zumal es gerade bei Zielen außerhalb Deutschlands noch viele Fragezeichen gibt, wie Urlaub in Corona-Zeiten überhaupt aussehen wird.

Fragen, die die Leute seit Wochen Nadine Sauerwein und ihrem Team stellen. „Wir müssen es erklären, abwickeln und stornieren“, sagt sie. „Damit verdienen wir kein Geld, sind aber trotzdem Tag und Nacht und auch am Wochenende für unsere Kunden erreichbar.“ Das Büro in der Globus-Passage hält sie geschlossen und leitet das Telefon ins Homeoffice um.

Dass das Globus-Reisecenter auch in diesen Fällen ein offenes Ohr hat, erreichbar ist und sich kümmert, erkennt die Inhaberin als eine der Chancen dieser Krise. Viele Kunden – auch solche, die vor einigen Wochen zum Beispiel auf Mauritius festsaßen und für die ihr Büro alle Hebel in Bewegung setzte, um sie zurückzuholen, – spürten nun den Wert des Services in besonderem Maße. „Zumal die Reisen im Reisebüro sowieso nicht teurer sind als im Internet“, wie sie mit einem Vorurteil aufräumt. Den Service gebe es offline zum gleichen Preis jedoch dazu.

Beschönigen will Nadine Sauerwein trotzdem nichts: „Die Politik muss detaillierte Antworten auf die Lage unserer Branche geben“, fordert sie. Bisher hat sie 10 000 Euro Soforthilfe erhalten, mit der sie einen Teil der betriebswirtschaftlichen Ausgaben decken, nicht aber für ihr eigenes Auskommen sorgen kann. „Wir brauchen ein weiteres Hilfspaket.“ Denkbar sei etwa eine Lösung, nach der ein Reisebüro einen prozentualen Teil des Vorjahrsumsatzes erhalte. So, wie ihn mit Blick auf ihr Gehalt auch Angestellte in Kurzarbeit gezahlt bekommen. Auch eine Kopplung der staatlichen Unterstützung an bereits gezahlte Steuern könne ein Modell sein.

Von Jens Dörr

Quelle: op-online.de

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