Die gute Stube

Kulturhalle mit viel Programm

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Die Bühne ist 100 Quadratmeter groß. Der AGV-Chor „FLAME“ nutzte sie im vergangenen Jahr bei „Let’s Musical“ in voller Breite aus und platzierte vor ihr noch eine Big Band.

Sie machen einen wichtigen Teil des Freizeitwerts einer Gemeinde aus: öffentliche Liegenschaften, etwa Bürgerhallen, Sportstadien oder Freizeitzentren. Auch Münster und Eppertshausen haben diesbezüglich einiges vorzuweisen.

Münster – Doch wer nutzt diese Objekte und was kosten sie? Wo stehen in näherer Zukunft womöglich Veränderungen an? Unsere Zeitung hat sich die markantesten Liegenschaften in beiden Kommunen näher angesehen und beleuchtet sie in loser Folge näher.

Jede Gemeinde braucht (mindestens) einen Ort, an dem sie zusammenkommen kann. In Münster ist die Kulturhalle zentrale Anlaufstelle, wenngleich sie nicht alle Wünsche – etwa sportliche – erfüllen kann. Dennoch ist das 23 Jahre alte Bauwerk gegenüber dem Abtenauer Platz Zentrum verschiedenster kultureller Veranstaltungen. Frei von Sorgen ist man dort allerdings nicht.

Vor allem die Frage, wie es in der momentan verwaisten Gaststätte weitergeht, ist ungeklärt. Nachdem die letzten Pächter im vergangenen Sommer aufgaben (und heute bei den Münsterer Schützen gastronomisch tätig sind), lautet der kommunalpolitische Plan, einmal grundlegend zu hinterfragen, welche Art von Nutzung des Lokals erstrebenswert und dauerhaft realistisch umsetzbar wäre. Insbesondere die Kontroversen im Rahmen der abgesagten FSV-Fastnachtssitzungen im Vorjahr hatten die Frage um Zuständigkeiten, Freiheiten der Pächter und die Möglichkeiten der Hallenmieter (vor allem der Vereine) zugespitzt. In den nächsten Monaten will sich Münster Klarheit verschaffen, wohin die Reise gehen soll.

Für eine Reihe von Vereinen ist unabhängig davon klar, dass die Kulturhalle als Teil der Infrastruktur für die eigenen Aktivitäten kaum noch wegzudenken ist. Vier von ihnen nutzen die Halle – insbesondere Übungsräume und Nebenbühne – ganzjährig: In Münsters guter Stube proben stetig Musikverein, MGV, AGV und DJK Blau-Weiß mit Chören, Orchestern und Tanzgruppen.

Darüber hinaus würde es schon den Rahmen sprengen, allein die regelmäßigen Veranstaltungen mit Münster-Bezug aufzuzählen. Ein Auszug: FSV- und Seniorenfastnacht, „Schulen in Hessen musizieren“ der Aue-Schule, Theateraufführungen von Eintracht-Fan-Club Altheim und Spectaculum, „Ghana-Hilfe-Tag“ des Vereins NIMA, AGV- und MGV-Konzerte, die Weihnachtsfeier des Turnvereins. Ganz zum Schluss des Jahres holen die Senioren-Weihnachtsfeier der Gemeinde und der Silvesterball der „Freien“ vor allem das ältere Publikum in die Halle, zu Jahresbeginn ist es bei den Neujahrsempfängen von CDU und SPD das politische. Für Letzteres reicht das Foyer aus, die entfernbare Abtrennung zum großen Saal wird dann nicht bewegt. In voller Pracht können vor der 100 Quadratmeter großen Bühne bis zu 700 Besucher Platz nehmen. Kein Mäuschen passt beispielsweise mehr rein, wenn die Sparkasse Dieburg ihre Kunden zu hochkarätigen Vorträgen mit TV-bekannten Persönlichkeiten einlädt. Vielen dürfte in jüngerer Vergangenheit etwa die Multivision-Schau von ZDF-Wissenschaftsjournalist Dirk Steffens zur Klima- und Artenschutz-Krise in Erinnerung geblieben sein.

Dass das Haus mit seiner digitalen Licht- und Tontechnik, Hightech-Beamer, Aufzug, Konzertflügel, ebenerdigem Foyer mit großer Garderobe und Wirtschafts- sowie Künstlerräumen neben der Bühne wesentliche Grundlagen für eine attraktive Bespielung bietet, macht sich seit 2014 verstärkt auch die Gemeinde selbst zunutze.

Stefanie Lange entwarf fürs Rathaus damals das Kulturprogramm, das mit einer Handvoll Veranstaltungen jährlich aufwartet und auf Initiative von Bürgermeister Gerald Frank seit 2015 auch auf private Sponsoren setzt, um das Defizit abzufedern. Wegen des trotzdem benötigten Zuschusses für die Buchung attraktiver Künstler steht das Programm nicht nur bei der Opposition, sondern auch einigen Vereinsvertretern in der Kritik. Sie sehen die Gefahr einer Übersättigung und damit verbunden weniger Besucher bei den eigenen Veranstaltungen. In Eppertshausen gab es ähnliche Befürchtungen, weshalb die Gemeinde dort in der Bürgerhalle seit der Eröffnung vor sieben Jahren konsequent auf eigene kulturelle Akzente verzichtet.

So mancher spannende Kreative kommt dann eben auch nach Münster statt nach Eppertshausen. Hans-Joachim Heist (als Gernot Hassknecht und Heinz Ehrhardt), Susanne Pätzold, das Kikeriki-Theater oder das Beethoven-Orchester Hessen kann man exemplarisch anführen.

Die Kulturhalle bei Nacht. Für 400 Euro können Münsterer Vereine sie mieten.

Ein Zuschussgeschäft – nicht nur wegen der Abschreibungen, sondern auch den anderen Kosten für den Betrieb – ist die Kulturhalle wie fast allerorten dennoch. Fast eine halbe Million Euro jährlich legt die Gemeinde drauf – etwa zweieinhalbmal so viel wie Eppertshausen für seine Bürgerhalle und zirka im gleichen Maß wie Dieburg für seine Römerhalle.

Nichtsdestotrotz ist das den Zuschuss reduzierende Nutzungsentgelt für Vereine in den Augen mancher zu hoch. 400 Euro zahlen solche aus Münster pro Tag für Saal, Bühne, Foyer, Galerie, Nebenbühne und Garderobe zusammen. Auch die Bühnen- und Veranstaltungstechnik ist dabei inklusive. Dies gilt nicht bei der Mietung durch Privatpersonen und Unternehmen, die zudem für das (etwa um die Nebenbühne reduzierbare) Grundpaket das Doppelte zahlen.

Für die Miete eines Nebenraums oder der Nebenbühne werden das Jahr über ansonsten zehn Euro pro angefangener Stunde fällig. Grundsätzlich überteuert oder gar wirtschaftlich kalkuliert – das muss man trotz aller Kritik in jüngerer Vergangenheit konstatieren – ist die Münsterer Kulturhalle für die Vereine also beileibe nicht. Wobei es – wie bei der unbegrenzt kostenlosen Nutzung der Bürgerhalle in Eppertshausen – immer noch ein bisschen besser geht.

VON JENS DÖRR

Quelle: op-online.de

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