Bravouröser Gefühls-Lauf

Mit „Runnin’ Blue“ trifft Theater-AG den Nerv der Jugend

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In der Rolle des Mopstöters: Lars Schulz.

Münster – „Ich bin total überwältigt von Euch und Eurem Engagement. Ihr seit der Wahnsinn. “ So kommentierte Aue-Schulleiterin Sabine Behling die Premiere-Aufführung der Schultheater-AG nach einem brausenden Schlussapplaus.

Mit „Runnin’ Blue“, einem Stück von Anouk Saleming, hatten die Schüler ein zeitgemäßes Drama in drei Zeitschleifen aufgeführt, das den Nerv der Jugend packt. Ein großes Gefühlsdurcheinander wurde trefflich gespiegelt, größere und kleinere Katastrophen mit dem nötigen Ernst, aber auch Witz interpretiert. Dass an beiden Aufführungen der Saal der Kulturhalle nicht ganz gefüllt war, ist schade, die Leistung aller Beteiligten hätte noch höhere Wertschätzung verdient.

Kann man sein Schicksal selbst in die Hand nehmen oder ist bereits alles vorherbestimmt? In Anouk Salemings Stück begegnet der Zuschauer Jugendlichen, die sich in stets der gleichen, sich dreimal wiederholenden halben Stunde begegnen. Die Anlehnung an den deutschen Actionthriller „Lola rennt“ mit Franka Potente und Moritz Bleibtreu ist unübersehbar, den Perspektivwechsel im Schauspiel inszenierte auch Akira Kurosawa beispielsweise in Rashomon perfekt. 

Doch auf ein jugendliches Publikum und dessen Emotionen stimmte das Thema Salemning perfekt ein. Und dies setzten die zwölf Schauspieler (Verena Weitsch, Erzählerin; Noah Alps, Afram; Lea Krämer, Merle; Denis Befus, Kemal; Sven Schulz, Habib; Anika Braun, Erol; Samuel Gawron, Alano; Carla Seber, Florien; Lilly Jährling, Rosalie; Lars Schulz, Wasaki; Celine Hopf, Polizistin; Leonhard Wegers, Thomas; und Maleah Schneider als Mädchen mit Gans) mit Verve und Herzblut um. Nicht ohne einen Schuss Humor an den passenden Stellen. Vor allem Lars Schulz mit seiner Wasserpistole entspannte so manche Tragik des Stücks.

Das Bühnenbild war minimalistisch und durchdacht.

Die sich wiederholende Geschichte um Merle, die von ihrem Freund Afram unmissverständlich und sofort zum Flughafen beordert wird – ansonsten endet die junge Beziehung – ist facettenreich. Fürs bessere Verständnis, zur Untermalung und weil es die technikaffinen Theater-AGler unter Leitung von Jannik Pistauer halt können, wird per Computer- und Videoperformance einiges auf die große Leinwand hinterm minimalistischen, aber zweckmäßigen Bühnenbild geworfen. Und da rennt Merle auf ihrem Weg zum Frankfurter Airport auch schon mal rückwärts über Gersprenzbrücken Münsters. genial auch die Szene, in der ein zweideutiger Skateboardfahrer vom Auto angefahren leblos vor dem Wagen liegt, um hinter den drei entsetzten Insassen überlebensgroß vom seinem Lebensschicksal zu künden.

Fürs variable Bühnenbild hatte die Kreativwerkstatt des Aue-Theaters unter Anleitung von Eva Gfall und Herbert Hitzel Sorge getragen. Die wenigen verwandten Kulissen und Accessoires verstärkten Wirkungsvoll die notwendigen Aussagen der Szenen. Der gestalterische Prozess, dem sich ein knappes Dutzend Schüler das ganze Schuljahr über unterzog, trug Früchte.

Das Zusammenspiel von Technik und Schauspiel ging unter die Haut. 

Musikalisch unterstützt wurde das Stück von der Schulband „Nameless Obsession“, deren Leiter Lehrer Peter Lehmler sich ganz auf die Band aus Hanna Michel, Zora Kühn, Leen Hafez, Magdalene Simon, Jakob Wandsleb, Janne Weber und Philipp Eitner verlassen konnte. Leider klappte bei der Premiere die Überblendtechnik hier nicht ganz so harmonisch, wie es sich vor allem die Sängerinnen gewünscht hätten.

Nun, um Harmonie ging es in diesem anspruchsvollen Jugendtheater eher weniger. Vielmehr um die durcheinandergewirbelten Gefühlswelter heutige Jugendlicher. Und die übermittelten die Akteure samt und sonders mit Bravour. Sie hatten sich die stehenden Ovationen zum Schluss mehr als verdient.

Von Thomas Meier

Quelle: op-online.de

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