„Amateurvereine haben’s schwer“

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Hans-Peter-Samoschkoff, Vorsitzender des FSV Münster, im Interview. Hans-Peter Samoschkoff, Erster Vorsitzender der FSV Münster: „Die Anforderungen der Behörden sind oft kontraproduktiv.“

Münster - Seit 2007 ist Hans-Peter Samoschkoff Mitglied der Freien Sportvereinigung (FSV) Münster, folgte als Erster Vorsitzender vor zwei Jahren auf Axel Wandinger.

573 Mitglieder hat der Mehrspartenverein mit seinen Abteilungen Fußball, Mädchen- und Frauen-Fußball, Ringen und Fastnacht momentan und ist damit zwar weit vom Höchststand aus dem Jahr 1997 entfernt (damals 782 Mitglieder), dennoch weiter einer der größten Vereine der Gemeinde. Über Last und Lust, schwierige Vorgaben und erfreuliche sportliche Entwicklungen sprach Samoschkoff im Interview mit unserem Mitarbeiter Jens Dörr.

Herr Samoschkoff, beginnen wir unser Gespräch mit König Fußball. Hier scheint Ortsrivale SV Münster, der als einer der wenigen Vereine des Fußball-Kreises Dieburg alle Jugendklassen ohne Spielgemeinschaft selbst besetzen kann, der FSV derzeit zumindest bei Jungs und Männern weit voraus. Was soll sich hier bei den „Freien“ in absehbarer Zeit entwickeln?

Seit dieser Saison haben wir wieder eine A- und eine B- Jugend, die als Spielgemeinschaft mit dem FV Eppertshausen und dem TSV Altheim antritt. Vielleicht brauchen wir das erste Jahr als Findungsphase, um dann im zweiten Jahr anzugreifen. Spätestens in zwei Jahren müssen die Spieler auf den Übergang zu den Aktiven vorbereitet werden, dann hätten wir dort wieder einige aus dem eigenen Nachwuchs. Die anderen Jugendmannschaften - C, D, E, F und G - sind in einer Spielgemeinschaft mit Altheim. Hier wird versucht, möglichst noch Jugendliche zu gewinnen, damit wir alle Mannschaften so weit besetzt bekommen, dass es uns später gelingt, wieder eine zweite Aktivenmannschaft zu stellen. Die erste Mannschaft besitzt ein gutes Spielerpotenzial und verfolgt in der A-Liga das Ziel, unter die ersten Fünf zu kommen.

Beim Frauen- und Mädchen-Fußball ist Ihr Verein hingegen nicht nur in Münster, sondern inzwischen im gesamten Fußball-Kreis Dieburg die Nummer eins. Die Abteilung ist Wachstumsmotor für den Verein, die Mädchenteams locken Talente aus der ganzen Umgebung. Wie lauten die sportlichen Ziele der Frauenteams?

Ziel ist es, mit der Frauenmannschaft in den nächsten Jahren in die Verbandsliga aufzusteigen. Die Jugendlichen sollen in ihren Altersklassen für die Juniorinnen-Hessenliga vorbereitet werden. Langfristig sollen die Frauen noch höherklassiger spielen. Ziel ist die Hessenliga. Bereits jetzt sammeln die Juniorinnen etliche Erfolge, holten allein 2014 zwei Hallenregionalmeisterschaften und zwei Regionalpokalsiege, verzeichneten vier Berufungen ins hessische Stützpunkttraining und eine in den DFB-Stützpunkt.

Über die legendäre Fastnacht der FSV muss man kaum sprechen, die stets ausverkaufte Sitzung in der Kulturhalle spricht für sich. Die Ringer dürften in der viertklassigen Hessenliga verbleiben, versuchen über Schul-AGs auch die Nachwuchsathleten wieder zu vermehren. Das „1. Minsderer Bierfest“ zusammen mit dem AGV „Eintracht“ war ein Erfolg und soll nächstes Jahr wiederholt werden. Im Großen und Ganzen also alles okay bei den „Freien“, obgleich jüngst der Gaststättenpächter aufgab? Oder gibt es Schwierigkeiten?

Das größte Problem sehe ich durch die langsame Überalterung im Verein. Die „neuen“ ehrenamtlichen Trainer und Betreuer stehen im Berufsleben und haben für zusätzliche Dienste keine Zeit. Problematisch ist auch die Verlagerung der Kinderbetreuung in die Vereine. Die Kinder werden bis ans Tor gebracht und nach dem Training wieder am Tor abgeholt. Eltern und Mitglieder identifizieren sich immer weniger mit der Solidargemeinschaft Verein. Der demografische Wandel hat Auswirkung auf die Kulturlandschaft der Vereine, es wird in Zukunft immer mehr Spielgemeinschaften und Fusionen geben. Die Existenz vieler Vereine ist ansonsten stark gefährdet.

Inwiefern helfen Staat und Verbände, dagegen anzukommen?

Amateurvereine haben es in der Regel schwer, zu existieren. Die Anforderungen der Behörden wie des Finanzamts und der Verbände sind oft kontraproduktiv für die weitere Entwicklung. Ein Beispiel: Unsere sehr erfolgreiche Frauen- und Mädchenfußball-Abteilung müsste - um höherklassig zu spielen - einen Kunstrasen vorweisen. Wie soll sich ein Verein derartige Investitionen leisten? Kürzlich erst stand in der Presse, dass einige Nationalspielerinnen sogar gegen Partien auf Kunstrasen-Plätzen klagen wollen. Genauso verhält sich der Hessische Fußball-Verband (HFV) vollkommen an der Realität vorbei und verlangt Trainer mit Lizenzen. Wir können in unserer Gesellschaft doch froh sein, dass engagierte Frauen und Männer, meistens Eltern, die Rolle als Trainer und Betreuer sehr erfolgreich in ihrer Freizeit stemmen. Der HFV will seine Trainerkurse teuer verkaufen, statt sie den Amateurvereinen unentgeltlich anzubieten.

Quelle: op-online.de

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