Ein Stück Reformationsgeschichte

Kirchengemeinde Altheim besitzt ein 450 Jahre altes Frankfurter Gesangbuch

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Jürgen Schefzyk (links) und Pfarrer Ulrich Möbus freuen sich über die Ankunft des Gesangbuches im Klimakoffer in Altheim. Fotos: P/Ev. Dekanat Vorderer Odenwald

Ein Schätzchen ist zurück: Anlässlich seines 450. Geburtstags ist das Frankfurter Gesangbuch wieder in Altheim zu sehen. Es ist eines von wenigen Exemplaren, das noch erhalten ist.

Altheim –  Das gute Stück kommt in einem quietschgelben Koffer – persönlich gebracht von dem Direktor des Bibelhauses in Frankfurt, Dr. Jürgen Schefzyk. Dort ist das Buch („für sein Alter gut erhalten“) seit einigen Jahren als Dauerleihgabe ausgestellt. Der gelbe Koffer ist nicht irgendeiner, sondern ein Klimabehältnis. Er ermöglicht die ideale Umgebungstemperatur und Luftfeuchte. „Für das Buch ist es wichtig, dass es nicht gestresst wird“, sagt Schefzyk.

In der evangelischen Kirche Altheim sind nun im Altarraum die Fenster verhüllt, um es vor Lichteinfall zu schützen. Außerdem darf das alte Liederbuch nur mit Stoffhandschuhen angefasst werden, damit nicht Bakterien auf die Seiten gelangen, die wiederum zu Stockflecken führen.

Das Gesangbuch wurde 1569 in Frankfurt von Johannes Wolff gedruckt. Der wiederum unternahm mit seiner Herausgabe den Versuch, die in Frankfurt bekannten und die reformatorischen Lieder in ganz Deutschland zu sichten und zu erfassen – als „ein vollkommen Kirchengesangbuch“, wie es in der Vorrede heißt.

Das Frankfurter Gesangbuch hat das sogenannte Folio-Format. Es ist 40 Zentimeter hoch, 25 Zentimeter breit und neun Zentimeter dick – also um ein Vielfaches größer als die heutigen Gesangbücher. Der Ledereinband ist gepunzt, das heißt aufwendig mit einzelnen Stahlstichen versehen. In der damaligen Zeit konnten die meisten Menschen weder lesen noch schreiben. Erst 1593 wurde in Altheim die erste Schule errichtet; die erste Orgel wurde noch viel später – 1725/26 – eingebaut. Die Reformation breitete sich in erster Linie durch das Singen aus. Martin Luther schätzte die Musik als wirksames Mittel gegen „Zorn, Zank, Hass, Neid, Geiz, Sorge, Traurigkeit und Mord“. Luther selbst textete und komponierte, er dichtete Psalmen um und vertonte sie, übertrug lateinische Texte ins Deutsche.

Ein Einblick ins wertvolle Gesangbuch: Zum Reformationstag wird es feierlich ausgestellt. © P/Ev. Dekanat Vorderer Odenwald

Durch das Reformationsjubiläum 2017 gelangte das alte Frankfurter Gesangbuch in Altheim wieder ans Tageslicht. Das Bibelhaus in Frankfurt startete 2015 einen Aufruf, für die Reformationsausstellung alte Bibeln zur Verfügung zu stellen. Eine Reformationsbibel hatte die Kirchengemeinde Altheim-Harpertshausen zwar nicht, wohl aber das Frankfurter Gesangbuch von 1569, das seit Jahren im Stahlschrank schlummerte. Seit der Ausstellung ist es als Dauerleihgabe im Bibelhaus – unter Sicherheitsstufe eins, was beste Klima- und Lichtbedingungen bedeutet. „Als Museum denken wir immer an die Ewigkeit“, sagt Schefzyk.

Die Frankfurter Gesangsschrift diente in erster Linie den Pfarrern, Vorsängern und Kantoren. Sie übten die Lieder mit der Gemeinde so lange, bis diese sie konnten. Jede Kirchengemeinde hatte seinerzeit wohl nur ein Buch. Die Produktion von Büchern war aufwendig und teuer. „So ein Band entspricht in etwa zwei Schweinen“, sagt Museumsdirektor Schefzyk. Bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts war es beim Buchdruck üblich, immer nur wenige Druckseiten mit Bleilettern zu setzen (Bleisatz), diese zu drucken und anschließend die Lettern für die nächsten Seiten umzusetzen.  

tm

Quelle: op-online.de

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