Münster

Neues Mitglied: Wisentherde ist komplett

Das Muna-Gras jedenfalls schmeckt dem Bullen.
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Das Muna-Gras jedenfalls schmeckt dem Bullen.

Seit Anfang Mai lebt eine Wisentherde auf der Fläche der ehemaligen Munitionsanstalt (Muna). Jetzt ist die neunköpfige Herde komplett: Wisentbulle Shakal ist da.

Münster – Er traute wohl dem Frieden nach langer Anfahrt in der aus seiner Sicht sehr rumpeligen Kiste des Spezialanhängers nicht, als sich am Freitag kurz nach 20 Uhr endlich die Tür öffnete und er aus noch ein wenig sedierten Augen seine neue Heimat ausmachte: Der knapp eine Tonne wiegende Pfundskerl Shakal sog die kühle Abendluft am Muna-Waldrand ein, um sie schnaubend wieder auszustoßen. Witternd hob er die Nase, schaute sich um und verharrte im Hänger. Bis er den Fahrer des Spezialgefährts erblickte, der ihn hätte eigentlich schon drei Stunden zuvor am Rande Münsters ins eingezäunte – und immer noch munitionsverseuchte – Habitat Muna abliefern sollen. Als hätte er Bedenken, der Mensch könne die Box wieder schließen, stürmte der Wisentbulle ungestüm aus dem Gefährt, um gleichsam Besitz zu nehmen von seinem neuen Land. Und vielleicht witterte er ja auch bereits die acht vor ihm hier ausgesetzten Wisentkühe, die aus sicherer Entfernung und unterm Tann heraus die bedeutsame Ankunft still verfolgten. Ein neues Kapitel des bislang wenig ruhmreichen Buches „ Muna“ wurde spektakulär aufgeschlagen.

Shakal lässt sich von der Leitkuh nicht aus der Ruhe bringen, die sich dem Bullen respektvoll näherte. 

Die auch Europäische Bisons genannten Rinder sind Teil eines für das Rhein-Main-Gebiet einzigartigen Naturschutzprojekts. Ihre Aufgabe ist es, in der Muna für eine höhere Artenvielfalt zu sorgen. Ins Leben gerufen wurde das Projekt vom Bundesforstbetrieb Schwarzenborn der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA). Nach über zehnjähriger Planung und Vorbereitung konnte das Naturschutzprojekt jetzt endlich erfolgreich starten. Bisher erkundeten acht Wisentkühe ihr neues Zuhause in der Nachbarschaft vom Breitefeld. Mit Wisentbulle Shakal bezog Freitagabend ein weiteres Mitglied das Munagelände und die Herde ist vorerst komplett.

Mit knapp einer Tonne Gewicht ist der aus Schleswig-Holstein kommende siebenjährige Bulle ein echtes Schwergewicht und gleichzeitig eine imposante Erscheinung. Die acht Kühe im Alter zwischen zwei und sieben Jahren kamen aus den Wisentgehegen Hardehausen, Springe und Usedom. Der Bulle stammt aus dem Wisentpark Kropp und hatte die längste Anreise ins Südhessische.

Er sollte nach seinem stürmisch-stampfenden Auftritt auch nicht lange allein bleiben. Zunächst näherte sich die Leitkuh dem frisch Eingetroffenen. Zunächst in respektvollem Abstand verharrend, wagte sie alsbald Annäherung. Der Bulle graste derweil eher ungerührt. Und auch als sich später jüngere Kühe näherten, genoss Shakal das frische Munagras.

Für den Anfang lebt die Herde in einem sieben Hektar großen Eingewöhnungsgatter. Christoph Goebel, der Leiter des Bundesforstbetriebes Schwarzenborn, erklärte dem die Ankunft des Bullen verfolgenden Landrat Klaus Peter Schellhaas nebst eingeladenen Journalisten die weitere Vorgehensweise: „Hier dürfen sich die Tiere erst einmal kennenlernen und zu einem Verbund zusammenfinden.“

Ziel ist die Beweidung der gesamten Fläche – das sind 250 Hektar. „Wenn alles planmäßig verläuft, dürfen die Tiere mit Herbstbeginn die ganze Fläche der Muna für sich erkunden,“ freut sich Goebel. Neben den Wisenten wird dann ebenfalls eine kleine Herde Przewalskipferde das Projekt bereichern, deren Ankunft aber noch nicht terminiert ist. Auch wann Besucher die am Rande des abgezäunten Geländes vorgesehene und bereits sichtbare Aussichtsebene erklimmen können, ist noch ungewiss. Sie entsteht auf Gemeindegebiet.

Mit einem gewaltigen Satz erstürmt Shakal die Muna.

Das Munaareal westlich von Münster wurde seit den 1930er Jahren als Munitionsanstalt genutzt, zuletzt durch die US-Armee bis ins Jahr 1994. Nach Abzug der Amerikaner und Rückgabe des Depots an die BImA konnte sich innerhalb der umzäunten Liegenschaft die Natur ungestört entwickeln. Heute bietet sie Lebensraum für zahlreiche geschützte und seltene Arten im und am Wald.

Der Bundesforstbetrieb Schwarzenborn, der die Fläche betreut, hat die Biotopausstattung und das Potenzial der Fläche früh erkannt. Seit 2009 entwickelten die Förster gemeinsam mit den Behörden des Landkreises ein Projekt, welches Artenschutz mit der militärischen Vorprägung der Fläche verbindet. „Das Ziel unseres Projektes ist es, der Natur in der Muna freien Lauf zu lassen. Dabei müssen wir die Anzahl der Wisente auf der Fläche jedoch genau im Auge behalten.“ erläutert Goebel.

Mit den ursprünglich in unseren Wäldern heimischen Waldrindern und Wildpferden soll sich das Gelände zum Hotspot der Artenvielfalt entwickeln können. Durch die Lebensweise der großen Pflanzenfresser gestalten diese die Landschaft behutsam um. Nach der Renaturierung während der letzten Jahre kehrt nun Ruhe auf der Fläche ein. Ein freies Betreten der Projektebene ist auch künftig nicht möglich, zu gefährlich sind die Waldbereiche durch die Belastung mit Munitionsresten.

VON THOMAS MEIER

Quelle: op-online.de

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