Reuiger Fetischist leistet vor Gericht Abbitte

Todesängste des Opfers beim BH-Raub

Münster/Dieburg – Seiner Neigung mit Gewalt nachzugehen, Damenunterwäsche zu besitzen, brachte einem 29-jährigen Angeklagten gestern vor dem Amtsgericht eine Haftstrafe von einem Jahr und neun Monaten auf Bewährung nebst Zahlung einer Strafe über 2000 Euro an den Verein Frauen für Frauen ein. Von Thomas Meier

Weil der Münsterer BH-Dieb voll geständig war, sich gar einige Zeit nach der Tat selbst der Polizei stellte und sich auch reuig zeigte, musste das 21-jährige traumatisierte Opfer des Raubes nur kurz vor Gericht aussagen.
Größtenteils fand der als öffentlich angekündigte Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Der Pflichtanwalt des Angeklagten, Michael Koch, beantragte beim Vorsitzenden Richter Christian Meisinger für den Zeitraum der Befragung seines Mandanten zum Tathergang und den Beweggründen aus persönlichkeitsrechtlichen Bedenken den Ausschluss des Publikums. Und dies waren neben zwei Besuchern und den beiden Pressevertretern immerhin auch zwei Abgängerklassen der Goetheschule. Doch die Schutzwürdigkeit der Privatsphäre des Angeklagten hatten Vorrang, ging es doch um schwierige Einlassungen aus dessen Seelenleben und seinen ungewöhnlichen sexuellen Ausrichtungen.

Dem ledig mit einer dreijährigen Tochter noch im Elternhaus lebenden Angeklagten wurde vorgeworfen, am 17. Juli vergangenen Jahres um 2.30 Uhr eine Radfahrerin in der Altheimer Straße nahe des Spielwarengeschäftes überfallen zu haben, als diese gerade eine Kurznachricht übers Handy absetzen wollte. Er habe sein Opfer, das auf dem Heimweg von einer Feier bei der katholischen Gemeinde war, von hinten gepackt und ihr mit einer Hand den Mund zugehalten, um sie am Schreien zu hindern. Mit der anderen zog er seinem sich heftig wehrenden Opfer erst das T-Shirt aus, um sich dann des Büstenhalters zu bemächtigen. Kaum hatte er seinen Fetisch erbeutet, suchte er auch schon das Weite.

Dies alles und noch viel mehr räumte der Geständige wohl unter dem rund einstündigen Ausschluss der Öffentlichkeit vor Richter, Staatsanwältin Annette Fercher und den beiden Schöffinnen Rita Filipp und Erna Maria Roßkopf auch reumütig ein. Auch vor dem Publikum machte der Fensterbauer, der vor Gericht oder Polizei zuvor nie aktenkundig war, einen zerknirschten Eindruck in seinem blassbeigen Anzug. Sein halblanges Haar hatte er zu einem Knoten nach hinten gebunden, im Gesicht spross ein modischer Dreitagebart.

Dieser Erscheinung widmete das Opfer, das mit der Mutter in den Zeugenstand trat, wenig Beachtung. Dafür bekannte sie auf Nachfrage, dass sie das Geschehen von vor einem halben Jahr noch überaus beschäftige. Etwas weniger als die ersten Tage danach, doch immer noch stark. Sie leide unter Schlafstörungen, gehe abends nicht mehr gerne aus und wenn, dann nicht allein, berichtete sie auf behutsame Fragen des Richters, der den Tathergang nicht mehr thematisieren wollte, da alle Anschuldigungen gestanden waren. „Ich denke, ich muss sie nicht fragen was sie glaubten, dass ihnen gleich passieren würde, als sie dies durchlebten“, sagte Meisinger. Die Spuren der Angst vor Vergewaltigung, Mord und Totschlag, sie standen der jungen Frau noch ins Gesicht geschrieben. Ob sie sich wegen der Schlafstörungen in psychiatrische Behandlung begebe, stehe noch offen, bekannte sie.

In solcher Behandlung wegen seiner Neigungen ist indes der Angeklagte. Er war dies auch schon einmal lange vor der Tat. Aus den Einlassungen von Staatsanwältin Fercher und der späteren Urteilsverkündung von Meisinger wurde doch noch so einiges aus der persönlichen Entwicklung des Übeltäters bekannt, der sich schon im Kindesalter stark zur weiblichen Unterwäsche hingezogen fühlte. Nicht nur dies: Er zog sich selbst gern Frauenkleider an, was sich in und nach der Pubertät noch verstärken sollte. Auch wollte er seine feminine Seite nicht nur ausleben, sogar eine Geschlechtsumwandlung hatte er wohl mal erwogen, dann aber wieder verworfen.

SOS vom Smartphone: Das Mobiltelefon als Nothelfer

Was ihn in der Tatnacht ritt, das wollte das Gericht vom Vater eines kleinen Kindes wissen, doch außer zu versichern, das wisse er selbst nicht und keinesfalls werde so etwas nochmals geschehen, kam in dieser Frage wenig Erhellendes. Kurz nach dem Fetisch-Raub plagte ihn jedoch stark das Gewissen. Er habe erkannt, was er seinem Opfer angetan habe. Der über sich selbst Erschrockene stellte sich der Polizei, ging in achtwöchige Therapie in eine Tagesklinik und ist heute noch in Behandlung. Er entschuldigte sich über seinen Anwalt schriftlich und vor Gericht direkt beim Opfer.

All dies berücksichtigte die Staatsanwältin bei ihrem vorgetragenen Strafmaß, das von Verteidigung und – nach Sitzungspause – auch vom Gericht so angenommen wurde. Der Wäscheklau bekommt einen Bewährungshelfer zur Seite gestellt, muss neben den 2000 Euro Strafe an den karitativen Verein auch die Gerichtskosten tragen und bekam von Richter Meisinger eindringlich mit auf den Weg, dass der „sehr maßvolle Urteilsspruch“ für diesen rabiaten Raub auch ein Vertrauensvorschuss sei. Noch eine solche Entgleisung, und es gehe nicht mehr mit Bewährung aus, mahnte der Richter.

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © dpa

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