Bäcker schließt nach 111 Jahren

Immer mehr Backöfen gehen aus

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Trotz aller Probleme im Bäckerhandwerk: Meister Jürgen Kreher blickt optimistisch in die Zukunft.

Münster/Eppertshausen – Die Zahl der Bäckerein ist stark rückläufig. In Münster schließt mit dem Betrieb Giegerich Ende des Monats ein Traditionsbäcker, dessen Brote und Brötchen seit 1908 über die Theke gingen. Von Thomas Meier

Immer mehr Öfen gehen bundesweit aus: die Zahl der selbstständigen Bäcker verringerte sich seit 2009 von rund 15 000 auf aktuell rund 11000. Einer der Hauptgründe für das Sterben der kleinen Bäckereien ist die Konkurrenz der großen Handelsketten. Das sagt auch Jürgen Kreher, der letzte Obermeister der Bäcker-Innung Dieburg. Und er kennt noch weitere Gründe.

Im Ostkreis Dieburg gibt es noch ein gutes Dutzend selbstständiger Bäckereien, „in den 70er Jahren waren es im gleichen Raum einmal 100“, sagt Kreher, der seit 1981 mit seinem Handwerk verbunden ist und 1991 seinen Meister machte. Der „Bäcker aus Leidenschaft“ verwirklichte 1996 seinen Traum, sich in seinem Heimatort Münster selbstständig zu machen, übernahm die Bäckerei seines einstmaligen Chefs und zog vor zwölf Jahren um nach Eppertshausen in die Babenhäuser Straße. Und er hofft, dass er noch bis zum Ruhestand durchhält in einem Beruf, der einem Verdrängungswettbewerb sondergleichen ausgesetzt ist.

„Bäcker, Metzger, aber auch Parfümerien können mit den entsprechenden Angeboten der Supermärkte, der Discounter und der Drogeriemärkte kaum noch mithalten“, heißt es in einer aktuellen Marktstudie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Dies kann Kreher nur bestätigen: Wirklich konkurrenzfähig seien die kleinen Bäcker nur mit allerbester Qualität und entsprechender Eigen-Vermarktung.

Kreher weiß, warum das Sterben selbstständiger Bäcker längst nicht so auffällt, wie es die Zahlen vermuten lassen: Weil etliche als Filialgeschäfte von den großen Bäckereien weiter geführt werden. Der Trend geht seit Jahren vermehrt zu Produktionsstätten mit einem regionalen Netz von Verkaufsstellen. Wobei Bickert, Bauder, Bormuth und Co. nicht die Verdränger seien, sondern gar das Handwerk noch aufrecht hielten. „Manche von ihnen haben ein Netz in einem Umkreis von 100 Kilometern aufgebaut“, weiß Kreher.

Das Problem seiner Branche: Bei den Preisen können die Handwerksbetriebe mit den Backautomaten der Discounter nicht mithalten. „Die Brotpreise in Bäckereien liegen ungefähr doppelt so hoch wie die Preise der Supermärkte“, räumt auch der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks ein. „Wenn bei uns eine Brezel zwischen 70 und 90 Cent kostet und die bei Aldi elf, dann stimmt der Kunde schon mal mit den Füßen ab“, sagt Kreher, nachsetzend, dass man freilich den Unterschied schmecke. Der Deutsche gebe eben mehr Geld für die Autoversicherung aus als für Lebensmittel, frotzelt der Bäckermeister zynisch, in Italien oder Frankreich wertschätze man Lebensmittel wesentlich höher.

Kreher warnt indes eindringlich, die Billiganbieter mit ihren eigenen Waffen schlagen zu wollen: „Dann kann man gleich das Geschäft schließen.“ Und so hätten auch einige wenige seiner Kollegen, die ihren Betrieb zugemacht hätten, sicher auch verpasst, sich den Zeiten anzupassen, zu modernisieren und die Kundschaft zu umwerben.

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Er habe einen Trend ausgemacht, der sich stetig verstärke: Mittlerweile gebe die Hälfte der Verbraucher handwerklich produzierten Lebensmitteln den Vorzug gegenüber Industrieware. „Immer mehr junge Mütter fragen nach Bioware, wollen über Schrot und Korn aufgeklärt werden“, weiß Kreher. Ein Verkaufsraum muss modern und übersichtlich sein, mit einer Kaffee-Ecke binde man Kundschaft, und „der Chef sollte sich auch selbst mal blicken lassen“. Laut Kreher unschätzbarer Vorteil der kleinen Bäcker gegenüber den Filialisten, wo die Ware viel anonymer über die Theke gehe.

Aber es gibt unter den Backbetrieben noch ein anderes, schwerwiegendes Problem: das der Nachfolge. Viele Bäcker finden niemanden, der ihren Betrieb fortführen möchte. Mag es am frühen Aufstehen liegen oder am Trend zur Akademisierung, es gibt wohl viele Gründe. Seit 2007 – mit 36 871 Auszubildenden einem Rekordjahr – hat sich ihre Zahl bis Ende 2017 auf 17 143 reduziert.

„Es ist sehr wichtig, sich jungen Menschen stets als attraktiver Arbeitgeber zu präsentieren“, sagt Kreher. Er selbst ist seit seiner Gesellenzeit im Prüfungsausschuss der Bäckerinnung. Vor dem Zusammenschluss der Bäckerinnungen Dieburg mit Darmstadt, Stadt und Land, war er Obermeister der Innung. Jetzt ist er im Vorstand der Innung Wiesbaden, Frankfurt, Darmstadt sowie der Öffentlichkeitsarbeit der Innung aktiv. Und er geht in Schulen: In die Landrat-Gruber-Schule wie in die auf der Aue, um für seinen Beruf zu werben. Kreher ist auch heute noch optimistisch, was seinen „Traumjob“ angeht.

Quelle: op-online.de

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