Veranstaltung in der Kulturhalle

Münsterer und ihr Blick auf Europa

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Die Teilnehmer der Gesprächsrunde im Foyer der Kulturhalle: Margarete Elster (von links), Merja Bohne, Maria-Grazia De-Poli Zorer, Sandrine Nacci, Lena Brunn und Holger Köhn.

Münster - Die hessische Europaministerin Lucia Puttrich hat den 60. Jahrestag der Unterzeichnung der Römischen Verträge zum Anlass genommen, in Hessen eine Europawoche auszurufen. Die Gemeinde Münster hat mitgemacht und ihre Bürger Europa-Geschichten erzählen lassen. Von Peter Panknin

Merja Bohne, aus Finnland stammend, Sandrine Nacci, gebürtige Französin und Maria-Grazia De-Poli Zorer mit Herkunft aus Italien haben auf dem Podium in der Kulturhalle Platz genommen. Eingerahmt sind sie von Lena Brunn und Margarete Elster, beide aus Deutschland. Sie, die alle in Münster leben, wollen ihre Geschichten über Europa erzählen.

Doch bevor diese fünf Damen zu Wort kamen, begrüßte Bürgermeister Gerald Frank die Gäste im Plenum. Er bedankte sich für das gezeigte Interesse und hob in seiner Ansprache die Bedeutung des europäischen Gedankens, der letztlich Ursache für eine seit mehr als 70 Jahre andauernde Periode ohne kriegerische Auseinandersetzungen im zentraleuropäischen Bereich ist. Was es mit dem „Geburtstagskind“, den 60 Jahre alten Römischen Verträgen auf sich hat, brachte der Historiker Holger Köhn in einer kurzen Präsentation ins Gedächtnis der Anwesenden zurück, beginnend mit dem 25. März 1957 als in Rom die Verträge zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und der Europäischen Atomgemeinschaft (EAG, Euratom) von den Vertretern der Regierungen Belgiens, der Niederlande, Luxemburg, der Bundesrepublik Deutschland, Frankreichs und Italiens unterzeichnet.

Befragt nach Auswirkungen dieser Verträge auf ihr persönliches Leben antworteten die Gesprächsteilnehmer natürlich unterschiedlich. Margarete Elster, gebürtig in Münster und lange Zeit als Rektorin an einer Schule tätig, berichtete, dass die Kinder der „Gastarbeiter“, die zunächst in größerem Umfang aus Italien nach Deutschland kamen, in anderen Bundesländern wie Gäste behandelt wurden. Dort schuf man eigene Klassenverbände für diese Gastkinder, erwartete man doch, dass sie bald wieder gingen. Nicht so in Hessen, da gab es kein Geld für eigene Klassen, also wurden diese Kinder in den Unterricht der normalen Klassen integriert.

Die Finnin Merja Bohne kam zunächst im Rahmen eines Studentenaustauschs nach Deutschland – und kehrte der Liebe wegen nach Deutschland zurück. Nach 30 Jahren in Münster kennt sie viele Facetten des Alltags und natürlich auch Unterschiede zwischen den beiden Ländern, die sie aber nicht für gravierend hält. Mit einer Ausnahme: „die Deutschen können kein Brot backen, deshalb bringe ich immer, wenn möglich, Brot aus Finnland mit“, meinte sie schmunzelnd. Überhaupt, so die Ansicht der deutschen Gesprächsteilnehmer, hat die Europäisierung den Speisenplan in Münster verändert, ihn vielfältiger gemacht.

Ein weiteres Beispiel für die Richtigkeit dieser Ansicht gibt Sandrine Nacci. Geboren in Frankreich, verheiratet mit einem Italiener, trieb sie der Wunsch nach Unabhängigkeit von zu Hause in die Selbstständigkeit. Gemeinsam mit ihren Mann Cataldo betreibt sie das Restaurant „Pizzeria Romana“, erste Pizzeria in Münster überhaupt und heute so, als wäre sie schon immer da gewesen. Nicht viel anders erging es der dritten „Nicht-Deutschen“ in dieser Runde, Maria-Grazia De-Poli Zorer. Seit Jahren betreibt sie gemeinsam mit ihrem Mann das Eis-Café „Galileo“ in Münster. Zuvor waren die beiden immer unterwegs und auf der Suche nach einem Fleck in Europa, auf dem sie selbstständig und unabhängig leben konnten. Nach anfänglichem Pendeln zwischen Arbeitsstätte und Heimat – sie verbrachten den Sommer im Ausland, den Winter in der Heimat – fanden die beiden einen bezahlbaren Platz, an dem sie nun ständig bleiben können, nämlich in Münster.

Nach Berichten aus dem Leben der Gesprächsteilnehmer waren die Zuhörer aufgefordert, Fragen an die Podiumsgäste zu richten. Engagiert ging es zu bei der Frage nach dem Doppelpass. Es stellte sich aber heraus, dass alle nicht in Deutschland Geborenen diese Frage als Problem der Vergangenheit betrachten: Der Pass sei ein Relikt aus Zeiten der nationalen Bürokratien und habe für das tägliche Leben heute keine Bedeutung. Antworten auf die Frage „“as bedeutet Heimat für Sie?“ wurde so vielschichtig beantwortet, wie es von Menschen der heutigen Generationen zu erwarten ist. Als „Heimat“ wird von allen der Ort bezeichnet, wo man regelmäßig schläft und mit Freunden zusammenkommt. Es bedeutet aber nicht, dass man die Wurzeln seiner Herkunft vergisst oder mit Sehnsucht daran zurückdenkt. Wichtig ist aber allen gemeinsam die Tatsache, dass man heute ohne Pass- und Visa-Formalitäten, ohne Grenzkontrollen und ohne die Notwendigkeit, sich andere Währungen zu besorgen, frei und ungezwungen zu jeder gewünschten Zeit Reisen kann. Und wenn Bedarf besteht, kann man dann auch seine Herkunftswurzeln besuchen.

Quelle: op-online.de

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