Nahe an der Realität

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Amy Smith (Judith Kleinheinz) von der Schülerzeitung liest den Welle-Mitgliedern einen Widerstandsartikel von ihrer Kollegin Laurie Saunders (Lena Deumlich) vor. Alle sind empört.

Münster ‐ „Endlich ist hier mal was los!“ In seiner Rolle als Brian Ammon ist Jannik Pistauer wie fast alle seiner Mitschüler begeistert von den neuen Klassenregeln seines Geschichtslehrers Ben Ross, herausragend dargestellt von Max Sturm. Bei der Premiere des Theaterstücks „Die Welle“ am Freitagabend in der Münsterer Kulturhalle verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion: Schüler spielen Schüler. Von Ellen Jöckel

Das Werk des US-amerikanischen Schriftstellers Todd Strasser von 1981 mit dem Originaltitel „The wave“ hat nichts an Aktualität verloren. Welcher Lehrer zerbricht sich heutzutage nicht den Kopf darüber, wie er den Schülern wieder mehr Disziplin beibringen kann? Die neuen Methoden des Ben Ross sind ganz einfach und aus der Geschichte hinlänglich bekannt: Die Schüler sollen aufrecht sitzen, strammstehen, wenn sie etwas gefragt werden, kurz und präzise antworten und dabei mit „Mr. Ross“ beginnen. Um das Gemeinschaftsgefühl zu stärken, dürfen alle, die sich an die Regeln halten, eine Armbinde mit dem Zeichen der Bewegung, einer Welle, tragen. Die Schüler fühlen den Zusammenhalt, der dadurch entsteht. Der Außenseiter der Klasse, Robert Billings, überzeugend besetzt durch Thomas Groh, wird zum eifrigsten Vertreter der „Welle“. Doch das Experiment artet aus: Schüler, die nicht mitmachen, werden verstoßen.

Noch mehr reicht das Theaterstück in die Realität hinein, wenn man weiß, dass dieser Versuch 1967 in einer kalifornischen High-School-Klasse tatsächlich umgesetzt wurde. Andreas von der Heyden, der Leiter der Theatergruppe von der Schule auf der Aue, hat dazu eine klare Meinung: „Es ist nicht nur falsch, was Ben Ross gemacht hat. Ich finde es absolut wichtig, dass es in der Klasse eine Führung gibt. Wenn die Schüler ganz klare Grenzen gesetzt bekommen, ist das für die Atmosphäre in der Klasse positiv. Das Gefährliche ist nur, dass die Schüler von Ben Ross irgendwann alles gemacht hätte, was der Lehrer von ihnen verlangt. Als Lehrer ist es aber wichtig, trotzdem Individualität zuzulassen und die Schüler immer wieder darauf aufmerksam machen, dass nur durch Toleranz und Akzeptanz von anderen, ein tolles Team entstehen kann.“

„Gesamtpaket hat absolut gestimmt“

Dass sich bei den zeitintensiven Proben ein gut eingespieltes Theaterteam entwickelt hat, war bei der Aufführung zu bemerken. Souverän und nahezu professionell meisterten die Jungdarsteller ihre Aufgaben. „Das Gesamtpaket hat absolut gestimmt. Die Schüler waren grandios“, äußerte sich von der Heyden nach der gelungenen Aufführung begeistert. Es habe zwar auch einen Versprecher in einer schwierigen Szene gegeben, in der Max Sturm als Lehrer Ben Ross wie aus der Pistole geschossen eine Frage nach der anderen an die Schüler stellt und diese dabei beim Namen nennt. Die Lage sei aber souverän von Ida Zepp, die im Stück die Andy Block spielt, gerettet worden. Sie sei reaktionsschnell auf die Panne eingegangen und habe sie perfekt überspielt, so von der Heyden.

Insbesondere in der Probenwoche vor der Premiere wurde der Deutschlehrer von der Regisseurin Ina Annett Keppel unterstützt. „Die Generalprobe war sehr typisch, nämlich richtig schlecht. Heute haben die Schüler ein sehr gutes Niveau. Das Publikum lacht, das heißt, dass es sehr bei der Sache ist“, urteilte Keppel in der Pause zufrieden. Neben zum Teil langen Texten, mussten sich die Schauspieler auch merken, welcher der zahlreichen Eingänge für ihren jeweiligen Auftritt vorgesehen war. Zusätzlich zur Hauptbühne hatte die Bühnenbild-AG unter der Leitung von Melanie Eisentraud noch das Redaktionsbüro der Schülerzeitung und das private Arbeitszimmer des Lehrers auf zwei Nebenbühnen aufgebaut. Aber auch die Technik-Gruppe aus sechs Aue-Schülern hatte alle Hände voll zu tun: Neben der Ton- und Lichtregie wurden auf eine große Leinwand Filmausschnitte, Texte und das Welle-Logo projiziert. Zwischen den Szenen sorgte eine Schülerband unter der Leitung von Peter Lehmler dafür, dass die durch das Schauspiel hervorgehobene Stimmung nicht abflachte. Die Melodien hatte der Musiklehrer eigens dafür komponiert. Insgesamt haben 52 Schüler im Alter zwischen 13 und 18 Jahren bei der „Welle“ mitgewirkt.

Auch im kommenden Schuljahr dürfen die Fans des „Aue-Theaters“ auf eine Aufführung mit vielversprechenden Jungtalenten und dem eingespielten Führungsteam gespannt sein. Um welches Stück es sich handelt, bleibt noch geheim.

Quelle: op-online.de

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