Knigge-Rundgang

Naturschutzgebiet ist kein Hundeklo

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Dieter Günther vom Naturschutzbund (rechts) zeigt den am Knigge-Rundgang Interessierten die Schönheiten des Naturschutzgebietes Auf dem Sand bei Münster, das nicht zu einem überdimensionalen Hundeklo verkommen dürfe. Viele „anrüchige“ Aspekte wurden auch von den beteiligten Landwirten aufgeworfen.

Münster - „Ratschläge zum Verhalten in unserer schönen Natur“ gaben Jürgen Mader und Dieter Günther vom Naturschutzbund Münster einer guten Handvoll Interessierter. Die Herausgeber des „Feld- und Flur-Knigge“ machten aus ihrer Enttäuschung keinen Hehl, mehr Gäste zum Rundgang durch das Naturschutzgebiet Auf dem Sand erwartet zu haben. Von Thomas Meier

Im vergangenen Jahr haben die Gemeinde, der Naturschutzbund (Nabu), die örtlichen Landwirte und die Jäger gemeinsam einen „Feld- und Flur-Knigge“ mit Tipps zum richtigen Verhalten in der Natur herausgegeben. Doch weil die leidvolle Erfahrung zeigte, dass viele Spaziergänger und Hundebesitzer die Benimmregeln nicht beachten oder auch schlichtweg nicht kennen, suchen die Naturschützer jetzt den direkten Austausch mit den Nutzern der Naturschutzgebiete. Weil auch Landwirte Leidtragende von Unwissenheit oder Dreistigkeit sind, waren auch sie eingeladen, zur Situation Klärendes beizutragen. Günter Huther und Susanne Ries nahmen dabei kein Blatt vor den Mund.

Eingeladen hatte der Nabu nicht nur über unsere Zeitung, aus der beispielsweise Ella Kraus aus Altheim vom Termin mit Start am Altheimer Bahnhof wusste. Sie wollte mal sehen, was hinter der hohen Düne Am Sand steckt und war auch am Thema interessiert. Informiert hatten die Naturschützer auch fünf heimische Hundeschulen, gar mit deren Betreibern korrespondiert. Obwohl Interesse signalisiert worden war, kam aus diesem Kreis niemand zum Rundgang. Familie Stübinger aus Münster, auch sie durch die Zeitung informiert, war mit Hund und Enkel vertreten. „Wir wollen alle etwas lernen“, versicherten die Ausflügler, die freilich auch Hundekotbeutel mit sich führten.

Wobei ein Hauptthema des Tages eröffnet war. „Die, die es betrifft, sind nicht da“, bedauerten Mader und Nabu-Vorsitzender Günther. Besonders jene, die von sich behaupteten, stets alles nach Vorschrift zu machen, habe man nicht erreicht. Dies tat insbesondere auch Landwirt Huther leid. Er ist sich sicher, durch die Uneinsichtigkeit von Hundehaltern, die ihre Tiere unangeleint durch die Landschaft ziehen lassen, bereits mehrere Stück Vieh verloren zu haben. Seit 2007 seien auf seinem Hof „zehn Kälber elendiglich verreckt“, befand er drastisch. Das elfte Kalb habe er vergangenes Jahr in der Veterinärklinik Gießen obduzieren und untersuchen lassen. Ergebnis: Es starb an Haarlingen und Hundemilben, die sich im Magen und Blutkreislauf des Tieres fanden. Junge Rinder, so der Fachmann, hätten empfindliche Mägen und vertrügen insbesondere auch Krankheitserreger nicht, die von Hunden übertragen würden. Sie kämen beispielsweise durch Hundekot, der auf Wiesen abgesetzt werde, ins Vieh.

Wer nun denkt, die Landwirte freuten sich über Hundehalter, die sogenannte Kotbeutel auch in Feld und Flur mit sich führten, sah sich ebenfalls getäuscht. Höchstens über diejenigen, die Beutel samt Inhalt auch wieder mit aus der Natur zu sich nach Hause nähmen. Doch sei dies wohl die geringste Anzahl der Gassigänger. Susanne Ries wusste gar, dass die viel gepriesenen Hundekotsäckchen die Angelegenheit auf dem Acker nur noch verschlimmerten: „Kot ins Plastik, zugeschnürt mit einem Knoten und ab ins Feld damit. So sieht es doch in der Realität aus“, schimpfte sie. Und die Krönung des Frevels sei dann noch die Entgegnung von aufs Fehlverhalten hingewiesenen Kotschleuderern, dass der Plastiksack ja Bio und demzufolge auch abbaubar sei.

Da warf auch Günther vom Nabu ein, dass da sicher ein Missverständnis vorliege. Auch „abbaubar“ heiße, dass das Plastik mindestens fünf, sechs Jahre in der Landschaft vor sich hingammele, bis es sich aufgelöst habe. Und am Verbreiten des krankheitsübertragenden Hundedrecks ändere sich so nichts. Auch das Argument, die „Hundekacka“ sei doch wie Gülle auch nur frei angelieferter Dünger, ließen die Experten nicht gelten: Was frisch aus dem Organismus auf den Acker gelangt, sei etwas anderes als Gülle. Letztere sei „abgelagert“, so dass viele Bakterien und Erreger ihre Ansteckungsfähigkeit verloren hätten. 

Dackelrennen sind Spaß für Hund und Herrchen

Doch mit dem organischen Unrat ist es bei vielen Hundehaltern noch nicht allein getan. Zur Unterhaltung für Mensch und Tier nehmen viele Gassigeher Bällchen mit in die Natur. Sie werfen die Vollgummi- oder filzummantelten Tennisbälle in die Botanik und freuen sich, wenn ihr bester Freund brav apportiert. Macht er in der Regel auch, doch viele Hunde verlieren auch schnell mal den Spaß am Spiel, und so bleibt das Zeug ebenfalls am Acker liegen. „Eineinhalb Müllsäcker voller Apportierbällchen“ sammle er pro Saison von seinen landwirtschaftlichen Grundstücken, sagt Huther. Und er sei froh um jedes, das er vor seinen Rindern ausmache. „Denn die fressen die Bälle samt Grasbüschel in sich rein. Merken erst, wenn es zu spät ist, dass sie daran ersticken.“ Beide Landwirte machten den Knigge-Gängern sehr überzeugend klar, dass ihre Felder Produktionsstätten für Lebensmittel und keine Hundeklos seien. Manche hatten sich diese Betrachtungsweise zuvor in dieser Eindringlichkeit noch nicht zueigen gemacht.

Die Naturschützer setzten freilich noch einen Kritikpunkt drauf, denn gerade derzeit sei es höchst unangemessen, Hunde frei durch die Natur laufen zu lassen. In der Brut- und Setzzeit endet ein unbedachtes Tollen durch die Flur schnell mit dem Tod, auch wenn Bello ja nur spielen und niemandem etwas tun will. „Wenn ein Kiebitz von seinem Nest aufgescheucht wird, dauert es mindestens eine Stunde, bis er sich wieder herantraut“, weiß Jürgen Mader zu berichten. Wenn das Aufschrecken kein Ende nimmt, neben Fuchs und Has’ ständig auch Hunde am Ort des Brütens vorbeischauen, wird das mit der Brut nichts, sie erfriert. Einig waren sich nach zwei Stunden Rundgang alle darüber, dass das Naturschutzgebiet sehr schön ist und der Rücksichtnahme bedarf.

Quelle: op-online.de

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