„Nicht alle waren Nazis, es waren auch Nachbarn“

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Karl Müller informierte anlässlich des 9. Novembers über Münsterer jüdische Familien, die den Nationalsozialisten zum Opfer gefallen waren.

Münster (jas) - „Sie waren unsere Nachbarn“ lautete der Titel der Gedenkveranstaltung am Mittwochabend anlässlich der Opfer der Reichspogromnacht im Jahr 1938.

In dieser schrecklichen Nacht wüteten auch in Münster nicht wenige Nazis in den Häusern der dort lebenden Juden, warfen deren Möbel auf die Straße, zerstörten ihr Hab und Gut und stahlen Geld und Schmuck.

„Das waren nicht alles fremde Nazi-Schergen, sondern Bürger aus Münster. Und auch die ortsansässige Hitlerjugend war am Geschehen beteiligt“, erklärte Hobbyhistoriker Karl Müller. Gemeinsam mit vielen anderen interessierten Menschen war er zu einem Lichterzug durch den alten Ortskern aufgebrochen, um an den ehemaligen Wohnhäusern der ermordeten Juden von diesen zu erzählen. Wie wichtig das ist wird deutlich, wenn die teilnehmenden Jugendlichen erzählen, warum sie eigentlich mit einer Kerze in der Hand durch Münsters Gassen unterwegs sind. „Wir sind die Konfirmanden und wurden dazu eingeladen, also haben wir mitgemacht. Es geht heute um ein Trauerfest für Juden“, weiß Patrick, der aber nichts Genaues verinnerlicht hat. Auch sein Freund Jan hat nur eine ungefähre Vorstellung von den Geschehnissen und meint: „Auf jeden Fall ist irgendetwas passiert, denn in den Nachrichten habe ich gehört, dass in ganz Deutschland an Juden erinnert wird.“

Damit hat er zwar recht, doch es ist offensichtlich, dass Müllers Bemühungen, dem Schrecken ein Gesicht zu geben, bei den Heranwachsenden auf fruchtbaren Boden fallen. Eindringlich schilderte Müller die Einbindung der Juden in die Münsterer Gesellschaft und ihre Liebe zu ihrer Heimat. „Hier hat der Metzger Eduard Vogel gelebt, dessen Familie seit 1822 vor Ort nachgewiesen werden kann. Der Weltkriegsteilnehmer war Träger des Eisernen Kreuzes erster Klasse. Er blieb in Münster, trotz zahlreicher Warnungen, denn er meinte, Hitler habe sich am Weihrauch die Zähne ausgebissen, also werde er es auch am Knoblauch tun. Dabei stand der Weihrauch für die katholische Kirche und der Knoblauch für die jüdische Küche“, erzählte Müller, der genau recherchiert hat. Genutzt hatte Vogel die Liebe zu Münster nichts: Nachdem in der Reichspogromnacht sein Hab und Gut von seinen nationalsozialistischen Mitbürgern zerstört worden war, wurde er wenig später mit seiner Familie deportiert und ermordet. An seinem Haus in der Schulstraße 13 stellten die Teilnehmer eine Kerze zum Gedenken an die Familie auf.

Quelle: op-online.de

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