Nicht nur Enkeln der Opfer graut es

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Schweigend und nachdenklich verlassen die Münsterer Bürger das Haupthaus der Gedenkstätte von Hadamar.

Münster - 44 Münsterer waren auf Initiative der Gemeinde zu Besuch in einer „Tötungsanstalt“.

Sie ist widersprüchlich, die Geschichte der Deutschen. Auf der einen Seite stehen geistige und musikalische Koryphäen wie Goethe, Schiller oder Beethoven, auf der anderen wurden im Namen Deutschlands schlimme Verbrechen verübt. Viele Menschen fielen der wahnwitzigen Ideologie des Nationalsozialismus zum Opfer. Eines der schlimmsten Verbrechen war die Tötung geistig oder körperlich behinderter Menschen in extra eingerichteten „Tötungsanstalten“. Eine dieser grausamen Anstalten wurde im mittelhessischen Hadamar betrieben. Dieser Stätte der Unmenschlichkeit galt die Gedenkfahrt, die 44 Münsterer Bürger auf Initiative der Gemeinde unternahmen.

Die Fahrt reihte sich ein in eine Reihe früherer Exkursionen, die unter anderem auch die Konzentrationslager in Buchenwald und Osthofen zum Ziel hatten.

„Wir wollen die Erinnerung an das verbrecherische Regime der Nazis wach halten und so die heutige Generation warnen“, sagte Bürgermeister Walter Blank zu Beginn der nicht alltäglichen Reise. Kirsten Sahmes hatte die Fahrt vorbereitet und die Teilnehmer waren vielschichtig. Einige hatten persönliche Beziehungen zu den Verbrechen, die in Hadamar geschehen waren. Bei einem Teilnehmer wurde der Großvater, bei einer Teilnehmerin die Tante umgebracht.

Schweigen beim Gang durch die Gedenkstätte

Die Gruppe erfuhr das persönliche Schicksal bei einer Führung durch die Gedenkstätte. Eine junge Geschichtsstudentin brachte sehr einfühlsam und sehr engagiert dem Besuch aus Münster die damalige Tötungsmaschinerie nahe. Die Besucher gingen den Weg, den die ahnungslosen Opfer damals gingen. Angefangen von der Busgarage, in die immer drei graue Omnibusse fuhren, über den Auskleideraum im Hauptgebäude bis zu den Gaskammern und den Verbrennungsöfen im Keller ging die schweigsame Gruppe.

„Waren das noch Menschen, die hier arbeiteten?“ „Ja“, sagte die junge Studentin und verwies auf schon vor der Nazizeit gebräuchliche Begriffe, mit denen behinderte Menschen abgestempelt wurden. „Menschenhülsen“ oder „lebensunwert“ sind nur einige der vielen Bezeichnungen, die Behinderte außerhalb der Gesellschaft stellten. „Unnütze Esser und nicht für die Volksgemeinschaft zu gebrauchen“, so das schlimme Gedankengut.

Das Schweigen beim Gang durch die Gedenkstätte wurde nur durch das Verlesen einiger Biographien unterbrochen. Mitglieder der Münsterer Gruppe verlasen vorbereitete Texte der Gedenkstätte. Bei einem Vorleser versagte plötzlich die Stimme - es war der Enkel, dessen Großvater in Hadamar getötet wurde.

Nach der Führung trafen sich die Teilnehmer zu einer gemeinsamen Runde. Krankenakten aus der Nazizeit wurden von kleinen Gruppen gelesen und analysiert. Es war erschreckend, wie schnell ein Mensch als „schwachsinnig“ abgestempelt wurde. Vielfach reichte es schon, etwas außer der Norm zu sein oder seinen eigenen Kopf zu haben. Schlimm auch, wie nach dem Krieg die Täter von einst ihre Verantwortung von sich wiesen. „Wir haben nur auf Weisung gehandelt“, sagten alle, von der einfachen Sekretärin bis hin zum Anstaltsleiter.

„Wir müssen uns immer vor Augen halten, dass schlimme Verbrechen mit der Ausgrenzung durch Worte beginnen“, entließ die engagierte Führerin ihre Zuhörer in die spätsommerliche Stadtlandschaft. Zuvor war sie noch besorgt über den zum Teil unbedachten Umgang mit Ausdrücken, wie sie besonders bei der heutigen Jugend zu hören seien: „Spastie“, „Kanake“, „Idi“ sind Ausdrücke, die nicht mit der Achtung vor den Menschen in Einklang zu bringen seien. „Wer wie ich nach 1945 geboren ist, konnte die Verbrechen von damals nicht verhindern. Aber wenn ich nicht mithelfe, dass diese Verbrechen in Erinnerung bleiben, mache ich mich mitschuldig, wenn neue Taten verübt werden. Dass ist mir heute wieder ganz deutlich geworden“, zog Peter Waldmann, der unter den Teilnehmern war, ein ganz persönliches Fazit.

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tm

Quelle: op-online.de

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