Nikolaus kommt mit dem Rollator

Münster - Jeder hat so seinen Auftritt: Bevor das Christkind kommt, erklingt vielerorts ein helles Glöckchen. Das war es dann auch meist, denn dieses Geschenke bringende Christenkind wird nie gesehen. Anders beim Weihnachtsmann. Von Thomas Meier

Der kommt gern mit großem Getöse, Gepolter, seinem Sack und manchmal sogar mit einem nicht minder großspurig auftretenden Knecht im Schlepptau bei den Kindern an.

Ganz anders die Ankunft des Heiligen Nikolaus im Seniorenheim Gersprenz in Münster. Der leise nahende Rollator hatte gegen das Geklapper der Kuchengabeln auf den Tellern im Speisesaal keine Chance. Gehör verschafft dem herannahenden Rauschebartträger hingegen die Stimme einer Pflegerin. Einem Kompaniechef gleich verkündet sie das Eintreffen des „Bischofs von Myra“.

Eine wahrhaft surreale Szene spielt sich ab. Doch - wie bei Kindern in solchem Moment auch - ist es hier nicht wirklich wichtig, ob sich alle Beobachter darüber bewusst sind, welche christliche Legende da in den Raum hinein bugsiert wird.

Inmitten der Bewohner des Seniorenheims Gersprenz in Münster erzählte Reiner Rufle vom Wirken des Heiligen aus Myra.. Fotos:

Nicht nur Kinder freuen sich über den Besuch vom Weihnachtsmann. Das wallende Rot hinterm gelockten, weißen Wallebart lässt die Gesichter der Senioren lächeln. Sie erfreut das goldene Kreuz auf der Mitra, die Reiner Rufle allen Behinderungen zum Trotz auf seinem stolz erhobenen Haupt trägt. In dem Moment, in dem „ihr“ Nikolaus von seinem Rollator in einen bereit gestellten Lehnstuhl sinkt, die Hände gen Decke hebt und den längst verstorbenen Bischof preist, ist Weihnacht auch im letzten Winkel des sonst so klinisch wirkenden Speisesaals eingekehrt.

Und genau dies war die Absicht des zwar gebrechlichen, aber innerlich noch willensstarken Mimen Rufle. Er ist vor allem bei Vereinssängern und in katholischen Kirchenkreisen weithin bekannt. Im Musikverein Münster spielte der Posaunist und Saxophonbläser gern nicht nur die erste Geige, der ehemalige Dirigent der Blaskapelle von St. Peter und Paul aus Dieburg und Mitstreiter im Musikverein Ober-Roden zeigte auch lange Jahre im Kirchenmusikverein St. Pankratius von Offenbach-Bürgel, wo es musikalisch lang geht. Als Freund von Pfarrer Lorenz Eckstein lernte der Pastoralreferent viele Stationen im gesamten Bistum Mainz kennen.

Doch musste der heute 62-Jährige gesundheitlich bedingt in den vergangenen Jahren bereits viele seiner Aktivitäten aufgeben oder stark einschränken. Seit drei Jahren lebt er, seit dem Tod seiner Frau alleinstehend, selbst im Seniorenheim Gersprenz. Hier, inmitten vieler wesentlich älterer Bewohner, möchte er positive Akzente setzen. Und den Weihnachtsmann machen!

„Das war schon immer eine Rolle, die mir auf den Leib geschrieben schien“, sagt Rufle. In vielen Pfarreien, in denen er wirkte, spielte er schon den Heiligen Geschenkebringer. Doch zumeist in eher schäbiger, weil abgetragener Montur. „Immer habe ich gebettelt, stellt doch dem Weihnachtsmann eine würdigere Kluft zur Verfügung“, erinnert sich der Münsterer an Auftritte in Dieburg, Ober-Roden und seinem Heimatort. Vor fünf Jahren schließlich griff er zur Selbsthilfe. Er orderte via Katalog bei einem Verlag für Priesterkleidung „seine“ Weihnachtsmann-Uniform.

Für rund 2 000 Euro bekam er dafür auch vom Feinsten: einen eleganten Chormantel nebst rubinroter Robe, eine blütenweiße Albe und die hoheitliche Mitra. Dies alles für einen einzigen Anlass im Jahr, den Nikolaustag; freilich anfangs mit mehreren Vorträgen hintereinander. Doch reduzierte sich das Mimen auf einen einzigen Auftritt, seit er vor zwei Jahren ein Bein abgenommen bekam. Seitdem ist es sein „Aufrollen“. Aber in Würde und der Situation bewusst.

Und wenn Rufle dann vom Nikolaus und seinen Taten berichtet, davon, dass er sein ererbtes Vermögen unter den Armen verteilte und stets für die Schwachen stritt, dann verstummt auch die letzte Kuchengabel im Saal und alle hängen an seinen Lippen.

Quelle: op-online.de

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