Bilanz nach vier Wochen Selbsttests an der Schule auf der Aue

Bisher noch kein infiziertes Kind

Yvonne Herborn vom DRK-Münster leitete mit weiteren Helfern die Lehrer und Schüler der Aue-Schule zur Durchführung der Selbst-Tests an. Was Erfindungsreichtum ausmacht, zeigt der elfjährige Lukas neben ihr: Er hält einen Legostein hoch, in dem man das Teströhrchen abstellen kann.
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Yvonne Herborn vom DRK-Münster leitete mit weiteren Helfern die Lehrer und Schüler der Aue-Schule zur Durchführung der Selbst-Tests an. Was Erfindungsreichtum ausmacht, zeigt der elfjährige Lukas neben ihr: Er hält einen Legostein hoch, in dem man das Teströhrchen abstellen kann.

Seit vier Wochen müssen Schüler zweimal pro Woche vor dem Unterricht per Selbsttest auf das Coronavirus getestet werden. Auf der Aue-Schule in Münster ist bisher noch kein infiziertes Kind aufgetaucht. Kritik gibt es von Schulleiterin Sabine Behling und dem Personalrat am Kultusministerium.

Münster – „Erst nehme ich den Kopf leicht zurück, dann kommt das Stäbchen in das rechte und das linke Nasenloch. Auf beiden Seiten wird viermal gerührt, aber nicht zu tief, es reichen zwei Zentimeter“, erklärt der elfjährige Lukas. Für ihn und rund 1 000 weitere Schüler von der Schule Auf der Aue sind die Corona-Selbsttests mittlerweile zur Routine geworden. Der sterile Nasenabstrichtupfer, die Kopfkappe oder die Pufferlösung gehören seit dem Ende der Osterferien zweimal pro Woche zum Schulalltag.

„Bis zum Einspielen der Tests ging eine enorme inhaltliche um psychische Belastung für die Lehrer voraus“, bilanziert Schulleiterin Sabine Behling. Schließlich kam noch innerhalb der Osterferien das Kommando aus dem Kultusministerium in Wiesbaden, dass die Sache am ersten Schultag anzulaufen hat. Dazu die Anweisung, dass man sich doch bitte Paten zur Umsetzung suchen soll. Die Paten fand die Aue-Schule glücklicherweise beim Ortsverein des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) Münster. Bis zu vier Helfer entsandte der in den ersten beiden Wochen. „Ohne den DRK-Ortsverein wäre hier das Chaos ausgebrochen“, führt die Schulleiterin im Rückblick dankend an. Yvonne Herborn opferte für das Anleiten von Lehrern und Schülern sogar einen Teil ihres Urlaubs.

Kritik: Lehrer erheblichen Gesundheitsgefahren ausgesetzt

Nicht gut auf Wiesbaden ist vor allem Lehrerin Karin Eitel zu sprechen. „Es war schon unverschämt, was hier alles an uns herangetragen wurde“, sagt das Mitglied des Personalrats. Zur Kritik an der Vorbereitung in den Osterferien seien ungeimpfte oder nicht vollständig geimpfte Lehrer erheblichen Gesundheitsgefahren ausgesetzt worden. Schließlich nehmen die Schüler zur Selbsttestung die Masken ab. Die Stäbchen in der Nase führen bei vielen zum Niesen, was Viren freisetzen kann.

Ebenfalls bedenklich: Schüler mit einem Handicap beziehungsweise einer Behinderung können die Tests nicht selbst durchführen und benötigen eigentlich Unterstützung. Die ist Lehrern zu ihrem eigenen Schutz aber strengstens verboten. „Hier scheint man im Kultusministerium vergessen zu haben, dass wir in Zeiten der Inklusion leben. An unserer Schule sind zwei grobmotorische Kinder, dazu momentan ein Schüler, der einen gebrochenen Arm hat“, wirft die Schulleitung ein.

Schule auf der Aue Münster: Testkits erweisen sich als suboptimal

Mit Blick auf diese drei Schüler blieb nichts anderes übrig als gleich am ersten Tag zu einer benachbarten Förderschule zu fahren und diese um Schutzausrüstung mit Gesichtsschild und Plastikanzug, zu bitten. Danach wurde jenes Equipment im Handel mit der Bitte um prompte Lieferung bestellt. Letztlich war das aber nur eines von vielen Problemen, die Wiesbaden nicht bedacht hatte.

Als suboptimal erwiesen sich auch die Testkits. Sie sind vor allem für Labore und weniger für Schülerhände gemacht. Das lässt sich daran erkennen, dass die kleinen Ampullen mit der Testflüssigkeit, in die die Stäbchen getunkt werden, unten spitz zulaufen und sich nicht aufstellen lassen. In Laboren gibt es dafür, wie für Reagenzgläser auch, spezielle Ständer. Doch wie bringt man sie in einer Schule zum Stehen? „Einige Kinder waren so findig und haben gemerkt, dass es Legosteine gibt, in deren Aussparungen die Röhrchen passen. Mithilfe einer Wäscheklammer klappt es ebenso“, sagt Behling.

Aue-Schule Münster: Bisher nur ein falsch-positiver Test

Eine besondere Aufgabe kommt den fünf Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen der Aue-Schule zu. Sie stehen im Fall eines positiven Testergebnisses zur Betreuung bereit. Während die Schulleitung die Eltern anruft, lassen sie den Nachwuchs nicht alleine. „Viele Schüler machen sich in diesem Moment Vorwürfe oder haben Schuldgefühle. Wir beruhigen sie erst mal und sagen, dass Schnelltests oft falsch-positiv sind und erst ein PCR-Test letztlich Klarheit bringt“, erzählt Sozialpädagogin Eva Busse.

In der ersten Woche fiel an der Aue-Schule ein falsch-positiver Test an. Schüler mit einer Covid-19-Infektion traten bis jetzt noch nicht auf. Direkt nach den Osterferien ging durch die Tests ein nicht unwesentlicher Teil vom Unterricht verloren. Jetzt hat sich der Verlust auf nur noch fünf bis zehn Minuten eingependelt.

Viele Hürden und Herausforderungen mit viel Eigeninitiative bewältigt

Die Selbst-Testungen der Schüler betrachtet das Kollegium nach wie vor als ambivalent: Einerseits ist damit ein enormer organisatorischer Aufwand verbunden, etwa was die Dokumentation angeht. Angefangen von der Einverständniserklärung der Eltern, den Ergebnislisten aller Schüler bis hin zum Berichtswesen für den Rechnungshof, fallen Unmengen an Papier an. „Andererseits sind die Tests mit die wichtigste Grundlage zur Durchführung von Präsenzunterricht“, sagt die Schulleiterin.

Die vielen Hürden und Herausforderungen, die das Kultusministerium zuvor nicht einkalkulierte, hat man in den zurückliegenden vier Wochen an der Münsterer Aue-Schule mit viel Eigeninitiative bewältigt. „Vieles hat uns nicht der Kultusminister zur Verfügung gestellt, sondern Menschen, die etwas probiert und nach Lösungen gesucht haben“, sagt Sabine Behling. Das bestätigt auch Karin Eitel vom Personalrat: „Nach außen klappt es gut und man sieht, dass die Selbst-Testungen der Schüler funktionieren. Nur wenige wissen, welches Engagement dafür investiert wurde.“ (Von Michael Just)

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