Feuchte Flohmarkt-Feilscherei

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Gut beschirmt ist schon die halbe Miete auf verregneten Flohmärkten, wie hier in Münster.

Münster - Flohmarktkenner wissen, dass in den meisten Käufern und Verkäufern eine echte Passion für ihr Hobby schlummert. Von Michael Just

Der größte Feind aller leidenschaftlichen Feilscher ist das Wetter, denn mit nassen Auslagen auf den Tapeziertischen lässt sich kein Geschäft machen und Shopping mit Regenschirm ist ebenfalls alles andere als prickelnd. Wir hörten uns mal unter den Semi-Profis der Marktbeschicker um.

Petrus scheint wohl keinen Keller oder Dachboden zum Ausmisten zu besitzen. Anders ist es nicht zu erklären, dass er ausgerechnet jetzt dunkle Wolken über den Abtenauer Platz schickte und genauso wie im Vorjahr den Flohmarkt der Radsportler zur Enttäuschung werden ließ. Gerademal 15 Beschicker verteilten sich weiträumig auf dem großen Platz, so dass es fast eines wasserdichten Rucksacks gebraucht hätte, um diese abzuwandern.

Den Flohmarkt hatte der Radsportverein 1921 Münster organisiert. Vorsitzender Willi Braun zeigte sich enttäuscht vom Regen. In den Jahren mit Sonnenschein zählt der begeisterte Radfahrer sonst über 100 Stände.

Sonst über 100 Stände

Mit einem vollen Kombi steht ein älterer Mann um kurz nach acht Uhr da und weiß nicht, ob er ausladen soll oder nicht. Ihm tut das Getröpfel von oben besonders weh. Und das nicht um seine Person. „Mein Enkelchen wollte ein bisschen verkaufen“, erzählt er betrübt. Doch in diesem Fall kommt es nicht dazu, dass der Großvater mit dem Nachwuchs ein paar lustige Stunden verbringt und zusammen das Taschengeld aufgebessert wird.

Aufgebaut haben dagegen schon Angelika (58) aus Urberach und Ruth (47) aus Groß-Umstadt. Die beiden Frauen verbindet die Passion für Flohmärkte. Und da verwundert es kaum, dass sie sich auch auf einem solchen kennengelernt haben. Seitdem sprechen sich sie sich ab und bauen ihre Stände nebeneinander auf.

Vor 33 Jahren begann die Leidenschaft von Ruth für den Privat-Basar, als sie im Alter von 14 Jahren in Groß-Umstadt ihren ersten Stand aufbaute. Seitdem hat sie dieser Virus nicht mehr losgelassen. Ihre Freundin Angelika hat in Babenhausen angefangen, als es noch einen Flohmarkt unter amerikanischer Beteiligung der dortigen Kaserne gab. „Seitdem die Amis weg sind, kannst du das dort aber vergessen“, sagt sie ein wenig enttäuscht.

Nach Münster kommen die beiden Frauen vor allem deshalb gerne, weil die Standgebühr mit fünf Euro äußerst gering ist. Beide wissen nur zu gut, dass man bei den großen, professionellen Flohmärkten in punkto Standgebühr schnell mal mit 30 Euro zur Kasse gebeten wird. Unzufrieden zeigt sich das Duo in erster Linie vom Wetterbericht. Beide haben auf unterschiedlichen Internetseiten geschaut und in beiden Fällen wurde kein oder nur minimaler Regen angekündigt. Bei Angelika ließ sich sogar Münster mit eigener Vorhersage für den Ort eingeben. Lediglich 0,01 Millimeter an Regen wiesen die Wetterfrösche aus. Die Realität sieht anders aus. Bis zum Mittag bleibt die Luft mit reichlich Feuchtigkeit geschwängert.

Kundschaft nur alle Viertelstunde

Mit einer Zigarette und gekauftem Kuchen vom Aufsichtsstand des Radsportsvereins, der auch Kaffee bereithält, vertreiben sich die Frauen die Zeit, denn Kundschaft läuft nur alle Viertelstunde mal vorbei. Statt Verkäufe zu verhandeln, bleibt Zeit, mit jener Kleidung, die eigentlich zum Verkauf bestimmt ist, die Auslagen trocken zu wischen.

„Jetzt bräuchte man einen Pavillon“, sagt ein anderer Beschicker, der seine Second-Hand-Ware mit einer Plane schützt. Sein Nebenmann sitzt im Auto und verkauft aus seinem Vehikel heraus. Auch potenzielle Käufer verharren im Schutz ihrer Autos und werfen fahrend einen Blick auf jene Sachen, derer die Mitmenschen überdrüssig geworden sind. Das ist kein Problem, denn die Abstände zwischen den Tischen zeigen sich viele Meter groß.

An eine große Plastikplane haben Angelika und Ruth nicht gedacht und auch nicht an einen Regenschirm. Zu groß war das Vetrauen in den Wetterbericht, als sie morgens um sechs Uhr die Autos packten. So steht in den Vasen und Schüsseln auf ihren Tischen mehrfach das Wasser, das sie gelegentlich ausschütten. Der Regen ist für Ruth besonders ärgerlich, da sie auch Garderobe dabei hat, die nun nass wird. „Sollen wir abbauen und gehen?“, kommt die Frage auf. Bis dato hat Angelika eine Liege für acht Euro und Ruth eine Handtasche für zwei Euro verkauft, was in letzterem Fall einen kleinen Verlust bedeuten würde. Mit: „Jetzt ist eh worscht“, entscheiden sie sich zum Weitermachen.

Den Humor haben beide nicht verloren. „Ich warte jetzt drauf, dass dein Mann anruft und sagt ‘Habt ihrn Duppe? Macht eich hoam!’“, bemerkt Angelika lachend zu ihrer Mitstreiterin. Als sie ihre nasse Jacke wechselt stellt sie fest, dass selbst das Geld darin feucht geworden ist. „Wären wir mal lieber zuhause geblieben“, lautet die zu späte Einsicht, die kurz darauf mit einem Achselzucken wieder angezweifelt wird. Auch bei den Flohmarktfreunden stirbt die Hoffnung eben zuletzt.

Quelle: op-online.de

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