Pudels Kern im Plüschwildschwein

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Max Petermann - einer von „Two for Faust“, der hier sein Publikum in Altheim wohl umarmen möchte.

Altheim ‐ Experimentelles Theater ist gewöhnlich eher in größeren Städten zu erwarten. Nun aber konnten Interessierte im beschaulichen Altheim einer modernen Interpretation von Goethes Faust beiwohnen, die sich erheblich von trivialen Volkstheaterstücken unterschied. Von Ellen Jöckel

Max Petermann, Lehrer in der Regenbogenschule, hatte zu dem „frechen Versuch zwischen Musik und Schauspiel“ mit dem Titel „Two for Faust“ in die Aula der Schule geladen. Ausdrücklich wurde auf Plakaten und Flyern darauf hingewiesen, dass es nicht nur für Faust-Kenner ein unterhaltsamer Abend werden sollte: „Ein Stück (auch) für Klassikverächter mit Spaß an Schrägem“ war da zu lesen. Dabei fungierte Petermann nicht nur als Veranstalter, sondern in erster Linie als Schauspieler, der während der wenig ernsthaften Darbietung in ständiger Interaktion mit dem Musiker Volker Ell und dem Publikum stand.

Wer erwartet hatte, an diesem Abend den ersten Teil von Faust „Die Tragödie“ dargestellt zu bekommen, musste sich sofort von diesem Glauben verabschieden. Abwechselnd oder miteinander agierten Petermann und Ell mit verschiedenen Hilfmitteln. Petermann bediente sich unter anderem einer Kamera, mit der er sich beim Schreiben von Briefen oder Zetteln filmte und das Schriftstück dabei auf einer Leinwand vergrößert zu sehen war. „Dadurch, dass der Schauspieler viel über Kamera oder Laptop kommuniziert, ist er von der Sprache entbunden. Damit bleibt mir der Raum für die Musik“, sagte Volker Ell. „Am Anfang suchen wir nach Themen, die uns am Stück interessieren. Bei Faust war es die Liebe. Dann überlegen wir, was uns dazu einfällt, welche Assoziationen uns kommen“, sagt Petermann.

Plüschwildschwein als schwarzer Mephisto-Pudel

Der Themenschwerpunkt Liebe wurde über brennende Herzzettel, Briefe an Gretchen oder miteinander schmusenden Handpuppen als Heinrich und Magarete verdeutlicht, während Bilder von berühmten Filmpaaren auf die Leinwand projiziert wurden. Ein Plüschwildschwein sollte den schwarzen Mephisto-Pudel darstellen und bekam kurzerhand einen Zettel mit der Aufschrift „Pudel“ angeheftet. In allen Szenen spielte Volker Ell hauptsächlich auf der Gitarre, was er hin und wieder mit Hilfe eines Samplers elektronisch unterstützte. Beim ersten Treffen zu „Two for Faust“ hatte er sich das aber anders vorgestellt: „Als die Proben anfingen, hatte ich ein ganzes Auto voll mit Instrumenten dabei. Die hat mir die Regisseurin aber rigoros zusammengestrichen, da sie der Ansicht war: weniger ist mehr.“

Neben der Gitarre kommen noch ein Daumenklavier und ein Didgeridoo zum Einsatz. „Mit dem Didgeridoo ahme ich die Hupe eines Ozeandampfers nach“, erklärte Ell. Damit unterstütze er das Spiel Petermanns, der in einer Szene im waschechten Hamburger Platt einen Koberer, einen Türsteher auf der Reeperbahn mimt. Wichtig für Ell war es, dass er nicht nur die Aufgabe hatte, das Schauspiel musikalisch zu begleiten. „Die Musik steht dem Schauspiel auch eigenständig gegenüber“, sagte Ell. Die Szene, wo Faust im Studierzimmer sitzt, wird von der Musik dominiert. Hier wird Fausts Jammern über Gitarrenklänge ausgedrückt. Für den Musikpädagogen an der Akademie für Tonkunst in Darmstadt stellt diese Aufgabe eine besondere Herausforderung dar: „Ich überlege mir, was ich anstatt des Textes spielen kann. Ich maße mir nicht an, den Goethe-Text vertonen zu wollen. Ich möchte mit meiner Musik die Stimmung des Stückes rüberbringen.“

Keine Inszenierung, sondern ein Versuch

Inzwischen sind Ell und Petermann ein eingespieltes Team. Zum ersten Mal haben die beiden Künstler vor vier Jahren bei einem Theaterprojekt mit Kindern zusammengearbeitet. „Wir arbeiten sehr ähnlich und dabei hat jeder seinen Bereich: die Musik und das Schaupiel“, beschrieb Petermann die Zusammenarbeit. Vor zwei Jahren wagten sie sich dann gemeinsam mit der Hamburger Jung-Regisseurin Carola Unser an Faust heran, den sie binnen zwei Wochen auf die Beine stellten. „Wir haben ,Two for Faust' bewusst nicht als Inszenierung bezeichnet. Es ist ein Versuch“, betonte der aus Hamburg stammende Petermann. „Unser Stück ist wie der Jazz: Es gibt einen festen Rahmen. Darüber hinaus kann man sich frei bewegen und improvisieren. Das ist sehr spannend, weil es jedes Mal anders ist“, ergänzte Volker Ell.

„Two for Faust“ ist Teil einer Reihe von Kulturangeboten für Erwachsene in der Altheimer Regenbogenschule. Initiatoren der Veranstaltungen sind Max Petermann, der seit Sommer 2009 auch Kulturberater für den Schulamtsbezirk Darmstadt-Dieburg ist, und Angela Müth, die ebenfalls an der Regenbogenschule unterrichtet. Bereits zuvor hatte es einen literarischen Abend für Eltern gegeben.

Quelle: op-online.de

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