Als vor dem Rathaus gepfiffen wurde

+
Das Foto zeigt das Elima-Gebäude im Jahr 1958 – zur Blütezeit des Unternehmens arbeiteten dort 600 Menschen.

Münster - Wer von Dieburg nach Münster fährt, sieht auf der linken Seite das Elli-Center mit Getränkemarkt, Drogerie, Fitnessstudio und Spielhalle. Von Michael Just

 „Ich kann bis heute nicht hinein gehen, ohne ein merkwürdiges Gefühl im Magen zu kriegen. Wo jetzt der Dönerverkäufer ist, sehe ich immer noch den Pförtner sitzen“, sagt Franz Schledt mit Wehmut in der Stimme. Über 14 Jahre ist es nun her, dass die Elima ihre Pforten schloss.

Dennoch ist der einst größte Arbeitgeber in Münster mit in seinen zu besten Zeiten 600 Beschäftigten immer noch in den Köpfen vieler Menschen präsent. Auch in dem von Zlata Krämer: Die 67-Jährige hat jetzt mit zwei weiteren Mitarbeitern die Initiative für ein Nachtreffen ergriffen, so dass vor wenigen Tagen rund 40 ehemalige Arbeitskollegen im Café der Kulturhalle zusammenkamen. Nun bastelt sie an einem Erinnerungsalbum, in das alte und neue Fotos gestellt werden sollen.

Dass der Münsterin die Elima unvergessen geblieben ist, hat ihren Grund: 1959 fing sie dort mit 17 Jahren an zu arbeiten und war bis zum Alter von 54 Jahren in der Firma. Auch ihre Eltern standen beim gleichen Arbeitgeber in Lohn und Brot.

Zlata Krämer (sitzend), Christel Neumann und Walter Sturm sorgten nach 14 Jahren für ein Treffen der ehemaligen Elima-Mitarbeiter. Jetzt arbeiten sie an einem Fotoalbum.

Die Elima, auch als „Hartmann und Braun“ bekannt, wurde in Münster 1949 gegründet und fertigte elektrische Messgeräte. „Die 60er und 70er Jahre waren ihre Glanzzeiten“, sagt Krämer. „In dieser Zeit hat dort jeder gerne gearbeitet und durch Überstunden gutes Geld verdient.“ In der Folge kauften viele Mitarbeiter in der Goethestraße einen Bauplatz. Auch Zlata Krämer baute mit ihrem Ehemann nahe ihrer Firma und hatte nur drei Minuten Fußweg bis zu ihrer Arbeitsstelle. Die besten Jahre erlebte auch Franz Schledt. Der erinnert an die zwei eigenen „Elima-Buslinien“, die in Münster, Dieburg und Eppertshausen die Bediensteten abholten: „Die Elima war nicht einfach nur ein Arbeitsplatz, sondern eine Familie.“

Vor dem endgültigen Aus nur noch 200 Arbeiter

Doch das Unheil der Schließung bahnte sich seit 1993 langsam seinen Weg: Aus dem Hauptwerk in Frankfurt erreichten immer mehr Rationalisierungsmaßnahmen Münster. Immer wieder wurde eingespart; vor dem endgültigen Aus arbeiteten für die Elima nur noch 200 Menschen. Das Ende mit einer kurzfristig anberaumten Betriebsversammlung kam dann plötzlich: „Ab soundsovielten ist die Elima geschlossen. Da führt kein Weg dran vorbei“, erinnert sich Schledt noch an die Worte von damals. In den Tagen danach gab es zwei Demonstrationen: Eine auf dem Firmengelände, die andere vor dem Rathaus, als die Elima von einem hochrangigen Mitarbeiter bei der Verwaltung offiziell abgemeldet wurde. „Es wurde gepfiffen und gegrölt, aber der Betriebsrat konnte nichts mehr machen“, erinnert sich Schledt. Für Zlata Krämer, damals Sachbearbeiterin im Vertrieb, war das Ende mit einem Schock verbunden. „Ich war psychisch angegriffen. Das Ende war nicht zu verstehen, wenn man dort sein ganzes Leben verbracht hat.“

Nach einem Jahr Arbeitslosigkeit und einer Umschulung fand sie eine neue Stelle in einem Reisebüro, in dem sie bis zur Rente blieb. Nicht aufgelöst wurde bei der Elima der kleine Reparaturservice, der aber von Münster nach Frankfurt abwanderte. Durch ihn konnte Schledt noch elf Jahre weiter arbeiten, bevor auch für ihn das endgültige Aus kam. Danach hat er sich selbstständig gemacht und repariert heute alte Elima-Messgeräte. „Viele Elektromeister der alten Schule schwören noch immer auf unsere analogen Geräte. Sie sind der Inbegriff von Qualität.“ Wie der Dieburger sagt, hätte man die Firma retten können, wenn man nicht den Sprung vom analogen ins digitale Zeitalter verschlafen hätte.

Aus heutiger Sicht ist er sich mit vielen anderen Kollegen sicher, dass diese Lethargie und damit das Ende in Münster nicht ganz ungewollt aus den Chefetagen gekommen ist. Das ehemalige Hauptwerk in Frankfurt gibt es heute noch immer. Nach mehrfachem Besitzerwechsel gehört ist jetzt dem Großkonzern ABB.

In den letzten Jahren hat man dort viel zerschlagen oder lukrative Bereiche verkauft. Mit der Elima von früher hat auch das Mutterhaus in Frankfurt nichts mehr zu tun“, bedauert Schledt. Stolz ist er auf seinen kleinen Betrieb, wo ein Stück Elima weiterlebt: „Wir dürfen uns zwar nicht Elima nennen, weil der Name geschützt ist. Aber im Prinzip sind wir heute die Elima.“

Mit ihrem jüngsten Treffen konnten die Ehemaligen der Elima der Münsterer Ortsgeschichte wieder ein Stück Leben einhauchen. Dazu kamen rund 40 Menschen zusammen, die sich zum Teil seit Jahrzehnten nicht gesehen haben. „Wir hoffen, dass wir nicht wieder 14 Jahre bis zu einem Wiedersehen waren müssen“, sagt Krämer. Das nächste Mal könne man sich vielleicht in einem Restaurant treffen, was man jetzt absichtlich vermieden habe: „Wir hatten uns einfach zu viel zu erzählen. Da wären wir ohnehin nicht zum Essen gekommen.“

Quelle: op-online.de

Kommentare