Auf der Rutsche in den Kaisersaal

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Über Generationen erstreckt sich mittlerweile die Geschichte des Münsterer Kaisersaals (von links): Enkel Felix Müller, Opa Robert Herzing, Tochter Bettina mit Ehemann Dieter Müller.

Münster - Es passierte im Jahr 1936: Das EhepaarElisabeth und Jacob Herzing kam von Zellhausen, bereits mit Kinoerfahrung, nach Münster und übernahm das Kinotheater Stocker. Der Kinosaal mit seiner Rutschbahn war zu jener Zeit gleichzeitig Höhepunkt Münsterer Fastnachts- und Kerbfreuden. Von Friedel Seib

Es gab extra zwei postierte Fänger, die mit viel Einsatz die Rutschenden unten abfingen“, erzählt Robert Herzing. „Klar ist es da mal passiert, dass die Matte wegrutschte, die nicht allzu glatte Naturholzbahn tat ihr übriges.“ Splitter seien seinerzeit diskret im Nebenraum entfernt worden. Außerdem habe es einen Ortsverein gegeben, der darauf bestand, dass bei seinen Veranstaltungen die Rutsche aus moralischen Gründen weg musste, erinnert sich Herzing.

Spartanisch ging die Fastnacht kurz nach dem Weltkrieg über die Bühne: 1946 fand der erste Maskenball statt – aber ohne Alkohol oder etwas zu essen auf dem Tisch. Darüber, was man zu essen anbieten könnte, begann sich Jacob Herzing ein Jahr später Gedanken zu machen: Das Ergebnis ist klein, rundlich und süß; im Großteil der restlichen Republik heißen sie Berliner, in Berlin selbst „Pfannkuchen“, Münsterer und Hessen nennen sie Kräppel.

Eine Idee in Zeiten der Not: Lebensmittel-Marken bestimmten den Alltag, aber Opa Jacob hatte Kontakte nach Frankfurt. Er beschaffte genügend Kräppel-Fett, nur wusste er nicht, dass es gesalzen war. „Die ersten versalzenen gingen ans Hausschwein, aber die restlichen 400 wurden uns am Abend aus den Händen gerissen“, erzählt Robert Herzing.

„Es riecht bei euch nach Kräppeln.“

Zur nächsten Abendveranstaltung kamen dann nicht nur Gäste, sondern auch zwei Polizisten: „‚Es riecht bei euch nach Kräppeln, wo sind die?’, haben die den Opa gefragt“, erinnert sich Robert Herzing. Der Opa stand noch in der Küche, 800 Kräppel sollte es geben. „Die verstanden keinen Spaß und wollten alle Kräppel beschlagnahmen“, meint Herzing. Das zugeteilte Fett hätte für so viel Backwerk nicht gereicht.

Doch ging alles gut aus: Opa Jacob meinte mit demonstrativer Lockerheit, dass er jetzt in den Saal gehe und den über 1.000 Gästen verkünden wolle, dass die Polizei die Kräppel beschlagnahmt habe, erzählt Robert Herzing. Die beiden Beamten bekamen es mit der Angst, angesichts einer so großen Zahl enttäuschter Menschen und zogen ohne ihre „Beute“ ab.

Zur Familie von Robert Herzing gehören außer ihm Ehefrau Dorothea, Tochter Bettina und Sohn Felix. Restaurantfachfrau Bettina Herzing betreibt die Küchenrestauration mit Mama und Papa. Regionalität und Saisongerichte stehen bei Herzing auf der Speisekarte. Auch Berühmtheiten wie Emil Zatopek und Sepp Herberger waren schon Gäste „beim Herzing“, wie Münsterer sagen.

Lavendeleis im Familienbetrieb

Als im Kino der Film „Der Duft von Lavendel“ lief, stand auf der Speisekarte als Schmankerl Lavendeleis. In den 50er Jahren wurde mit zwei Fremdenzimmern im Hause Herzing geworben, einige sind bis heute noch dazugekommen – ein weiteres wirtschaftliches Standbein des Familienbetriebs.

Beim „Cinema Plus“, einer Zusammenarbeit mit der Gemeindeverwaltung, wird einmal im Monat ein anspruchsvoller Film gezeigt. Unter bestimmten Kriterien kann dieser vom Publikum ausgewählt werden.

Die Zukunft des Kinos sieht Tochter Bettina verhalten optimistisch. „Wir wollen das Kino unbedingt erhalten“, sagt sie entschlossen. Urlaubswünsche erfüllt sich die junge Familie Müller global – Senior Robert genießt mit Frau Dorothea lieber den eigenen Garten.

Einen Bilderwunsch hat die Familie: Sollte jemand eine Fotografie der legendären Rutschbahn besitzen, würde sie sich freuen, davon zu erfahren: Telefon 06071/613871.

Quelle: op-online.de

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