Saatkrähen im Ausweichquartier

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Auch wenn die Saatkrähen hoch oben in den Wipfeln ihre Nester bauen, so sind sie doch sehr vorsichtig und schreckhaft. Ein Händeklatschen unten am Boden reicht, die Kolonie auffliegen zu lassen.

Münster - Auch wenn das Dutzend Pappeln im Naturschutzgebiet Auf dem Sand in Münster ohne Einverständnis der Unteren Naturschutzbehörde gefällt worden ist: das Gekrächze geht weiter. Von Thomas Meier 

Ein Glücksfall, sagen die Naturschützer, denn die schwarzen Vögel mit den grauen Schnäbeln galten lange Zeit im heimischen Raum als ausgelöscht. Durch intensive Verfolgung – die Saatkrähe galt als Schadvogel für die Landwirtschaft – wurde der Bestand stark dezimiert und erreichte 1955 einen Tiefstand. Vor allem dem sehr aktiven Naturschutzbund Deutschland, Ortsgruppe Münster, ist es zu verdanken, dass die Saatkrähen hier wieder kreucht und vor allem fleucht. Die Saatkrähe ist in Hessen ein seltener Brutvogel, der nur spärlich mit einigen Kolonien entlang der Flüsse Main und Kinzig vertreten ist. „Die Münsterer Brutkolonie ist die einzige hessische südlich des Mains“, weiß Matthias Kisling, zweiter Vorsitzender im Nabu Münster. Und er unternimmt auch nach den jüngsten Fällungen Auf dem Sand mit dem Verein alles, dass dieser mittlerweile stattliche Bestand erhalten bleibt.

„Wir sind zur Zeit dabei, ein Schutzkonzept für die Saatkrähen-Kolonie zu erarbeiten. Es sieht Neupflanzungen auf der anderen Seite der Altheimer Straße Richtung Dieburger Dreieck vor. Dabei sollen wieder schnellwachsende Bäume, beispielsweise einheimische Grau- und Schwarzpappeln verwendet werden, da die Saatkrähen nur in den Baumwipfeln brüten und die vorhandenen Hybridpappeln, im Alter von 60 und mehr Jahren, dazu neigen, in der Krone auszubrechen. Sie schlagen dann zwar wieder aus, aber die Höhe reicht den Saatkrähen dann nicht mehr.“ Deshalb schlage der Nabu „schnellwachsenden Ersatz“ vor: „Würden wir Eichen nehmen, würde es 50 bis 100 Jahre länger dauern, bis stattliche Bäume da sind.“

Seit 2008 brütet die Saatkrähe im Münsterer Gemeindegebiet, zuvor gab es dort nur die Rabenkrähe. Die Altvögel unterscheiden sich von den häufigen Krähenvögeln vor allem durch den grauen Schnabel. Die Saatkrähe brütet in Kolonien, das heißt, alle Brutvögel bauen sehr nah beieinanderliegende Nester in den Kronen einzelner, hoher Laubbäume. „Vor 2008 waren vor allem während des Herbstzuges größere Überflüge und Überwinterungen von kleineren Gruppen mit maximal 200 Vögeln beobachtet worden“, weiß Kisling.

Illegale Jagd auf Saatkrähe

Bis 1976 wurde die Saatkrähe, wie auch die anderen Rabenvögel, stark verfolgt, geschossen, in Fallen eingefangen und getötet. Auch durch Pestizideinsatz und ausgebrachte Gifte gab es hohe Verluste der Bestände. „Und obwohl die Saatkrähe unter Schutz steht, wird sie immer noch illegal bejagt, da die Jungvögel kaum von den Rabenkrähen zu unterscheiden sind und die in Hessen in der Zeit vom 1. August bis zum 20. Februar bejagt werden dürfen“, wissen die Nabu-Mitglieder leidvoll zu berichten.

Bereits die erste Pappel hinter der gefällten Allee wurde von der Saatkrähenkolonie okkupiert und mit Nestern bestückt.

Auf ihrer Homepage haben sie die Geschichte der Besiedlung beschrieben. Am 9. Juni 2006 wurde bei Altheim ein Paar mit flüggen Jungen beobachtet. Ab Mitte Juni 2006 tauchten Auf dem Sand ständig zehn bis zwölf Altvögel auf, die bettelnde Jungvögel mit sich führten. Das gleiche Bild wiederholte sich auch 2007 und trotz Nachforschung blieb die Frage nach dem Brutplatz damals offen. „Endlich konnten am 20. März 2008 mehrere erwachsene Saatkrähen beim Nestbau auf Pappeln am Wirtschaftsweg Auf dem Sand beobachtet werden. Binnen weniger Tage waren sechs Nester fertiggestellt und in einer Entfernung von 200 Metern wurden weitere fünf Nester in einem Pappelwäldchen angelegt. Eine kleine Kolonie mit elf Brutpaaren war entstanden und ab dem 14. April 2009 wurden alle elf Nester bebrütet.“ So steht es in der Erfolgsbilanz: „In der dritten Junidekade waren die Jungen flügge und verblieben den Rest des Jahres gemeinsam mit den Altvögeln auf den umliegenden Wiesen und Feldern. Im Gefolge der kleinen Kolonie Saatkrähen zog auch ein Paar Dohlen vier Jungvögel groß.“

Doch Ende Januar 2009 waren von den elf vorjährigen Nestern nur noch zwei Brutstätten im Pappelwäldchen übrig und es warf sich die Frage auf, ob die Nester durch Witterungseinflüsse zerstört wurden oder ob die Vögel sie selbst demontiert hatten. Anfang März 2009 bauten die Vögel wieder in kürzester Zeit im Pappelwäldchen 16 Nester und auf der Pappelreihe nochmals vier Nester neu auf, so dass sich die kleine Kolonie fast verdoppelte.

So nimmt es nicht Wunder, dass die Naturschützer sehr besorgt waren, als ausgerechnet dort, wo sich die seltenen Vögel niedergelassen hatten, etliche Heimstätten der Axt zum Opfer fallen sollten. Schließlich war zwischenzeitlich die Brutkolonie auf etwa 35 bis 40 Paare angestiegen. „Vor allem der späte Zeitpunkt war ja ein Problem. Hätten die Verantwortlichen die Bäume bereits im Januar fällen lassen...“, sagt Kisling, und: „Die Vögel sind schon empfindlich, wenn direkt am Brutplatz Bäume gefällt werden.“ Doch wenige Wochen nach der gemeindlichen Fällaktion geben die Naturschützer Entwarnung: „Neuste Zählungen ergaben 55 aktuelle Saatkrähen-Nester“, freut sich Kisling.

Quelle: op-online.de

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