Kritische Bilanz

Nur im Bikini an die Herkulesarbeit

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Solche kämpferische Worte von der Schulleiterin hörten auch die Abgänger sicher nicht allzu oft.

Münster - „Anstatt eines Kleides bekommen wir einen Bikini: Es reicht nur zur Bedeckung der notwendigen Teile.“ Mit diesem Zitat einer Lehrerin der Schule Auf der Aue konfrontierte  Schulleiterin, Sabine Behling-Schmidt, die Gäste zur Verabschiedung der Abgängerklassen. Von Thomas Meier

Sie nutzte das große Publikum für eine Bilanz vor den Ferien, die etliche Probleme aufzeigt, mit denen der Betrieb in der Kooperativen Gesamtschule tagtäglich zu kämpfen hat. Wer „nur“ warme Worte zum Abschied erwartet hatte, wurde von der kämpferisch eingestimmten Schulleiterin überrascht. Durchaus nicht negativ. Klar, dass der Zustand der Gersprenzhalle, in der die Abschlussfeier stattfand, ganz oben auf der Agenda der Ärgernisse stand. Noch vor wenigen Wochen hätte wohl kaum jemand glauben mögen, dass man wirklich auf der Langzeit-Baustelle würde feiern können. „Die Halle ist auch noch nicht fertig und es gibt etliche Einschränkungen“, machte die Direktorin auf die Provisorien aufmerksam, mit denen man immer noch leben muss.

„Das vergangene Schuljahr wurde überschattet von den langwierigen Sanierungsarbeiten an der Gersprenzhalle“, kam Behling-Schmidt auf ihr Kerngeschäft zu sprechen. Sportunterricht habe nur eingeschränkt und mit Schwierigkeiten erteilt werden können: „Der Schulträger hielt es zunächst für zumutbar, 1 000 Schülerinnen und Schüler mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Großsporthalle nach Eppertshausen zu schicken“, erinnerte sie an die vielen Hilflosigkeiten des Landkreises bei diesem Projekt. Und das schlechte Wetter habe die Planungen zur Nutzung des Gersprenzstadions schwierig gestaltet. „Aber wir werden belohnt durch diese schöne Multifunktionshalle“, wurde die Schulleiterin in einem Anflug nicht umzubringenden Optimismusses versönlich.

Gebaut wurde auch am anderen Ende des Aue-Schulgeländes. Der neue naturwissenschaftliche Trakt mit Fachräumen für Physik, Biologie und Chemie sowie mit einem Chemielabor für Schüler steht kurz vor der Fertigstellung. Behling-Schmidt hierzu: „Ebenso sind jetzt die Pläne für die Sanierung der Hauptgebäude weitgehend abgeschlossen, so dass hier dem Baubeginn im nächsten Schuljahr nichts mehr im Wege steht.“ Äußerlich als auch innerlich sei die Schule also für die Zukunft gerüstet, resümierte die Schul-Chefin dem ärgerlichen, aber nicht zu verschweigenden Hallen-Einstieg zum Trotz: „Zukünftig werden die verschiedenen Jahrgänge in eigenen Lernlandschaften unterichtet und der Unterricht orientiert sich immer individueller und differenzierter an zu erwerbenden Kompetenzen.“

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Doch tut sich gleichzeitig eine neue, andersgeartete Baustelle auf: „Die Arbeit der Kolleginnen und Kollegen wird immer schwieriger. Immer mehr gesellschaftliche Probleme sollen von Lehrern und in der Schule gelöst werden“, kam Behling-Schmidt auf die Erwartungen an die Lehrkräfte zu sprechen, die immer höher würden, und dies bei der höchsten Unterrichtsverpflichtung für Pädagogen in ganz Europa. Die Ganztagsschule ist für die Schulleiterin eine gute Idee, soll sie doch helfen, die Bildungschancen zu verbessern. „Dazu wird unserer Schule mit 44 Klassen und 1 000 Schülern zusätzlich 1,5 Lehrstelle zugebilligt.“ Es folgte das Eingangs-Bikini-Zitat.

Inklusion war ein weiteres Stichwort, das die Arbeit der Lehrer laut Behling-Schmidt verändern werde. Auch hier sah sie den guten Ansatz: „Kinder mit besonderem Förderbedarf in der sozial-emotionalen Entwicklung oder besonderem Förderbedarf bei Lernhilfe oder Körperbehinderung sollen in allgemein bildenden Klassen unterrichtet werden. Dieser Gedanke ist gut und richtig und entspricht den Menschenrechten.“ Aber bei Klassen mit bis zu 27 Schülern werde dies zu einer Herkulesarbeit: „Kommen noch ein Integrationshelfer oder der notwendige Förderlehrer zum Klassenlehrer hinzu, sind die knapp 60 Quadratmeter Klassenzimmer bis zum Bersten gefüllt.“

Notwendige Investitionen in die Schule für Inklusion fehlten laut Behling-Schmidt. Die Beratungs- und Förderzentren arbeiteten in eigenen Klassen und zusätzlich dezentral mit viel Enthusiasmus, aber am Rande ihrer Leistungsfähigkeit. Die Direktorin zürnte: „Die wahlkämpfenden Politiker aller Parteien beschwichtigen damit, sie stünden erst am Anfang des Prozesses. Die Schule steht aber schon mittendrin, und das allein.“ Die Antwort des Landes auf alle schulpolitischen Fragen laute stets „hundertfünfprozentige Grundversorgung der Schulen mit Lehrern“. Für die Schule auf der Aue bedeutet dies im kommenden Schuljahr 104 Prozent, also zwei Stellen mehr als bis jetzt. „Gleichzeitig werden der Schule Lehrerstellen gekürzt im Bereich Deutsch als Zweitsprache und im Schulprofil Musik. Und es wird jeweils eine Lehrerstelle abgezogen, wenn wir drei Referendare ausbilden.“

Quelle: op-online.de

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