„Verantwortung für alle Kinder“

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In der Vortragspause sahen sich Mütter interessiert das Bilderbuch „Jule und Marie“ von Wildwasser Darmstadt an. Darin geht es um Angstbewältigung.

Altheim - „Um sich vor Erwachsenen zu schützen, brauchen Kinder die Hilfe anderer Erwachsener“, meinen die Autorinnen Caren Adams und Jennifer Fay in ihrem Ratgeber „Ohne falsche Scham“. Von Ellen Jöckel

Erwachsene zum Handeln zu ermutigen, wenn sie sexualisierte Gewalt gegen Kinder vermuten, hat sich Brigitte Braun von der Beratungsstelle Wildwasser Darmstadt zur Aufgabe gemacht. „Wissen macht mutiger und ist ein Teil von Prävention“, ist die Überzeugung der Diplom-Sozialpädagogin. Wissensdurstig waren rund 50 Eltern, deren Sprösslinge den Evangelischen Kindergarten Altheim besuchen, zum Info-Abend „Wie schütze ich mein Kind“ ins Gemeindehaus neben der Altheimer Kirche gekommen.

Zu Beginn verdeutlichte Braun, dass der Begriff „sexueller Missbrauch“ eher verharmlosend wirke. „Sexualisierte Gewalt“ drücke klarer aus, dass es sich um Gewalt handele, die mittels sexualisierter Handlungen ausgeübt werde. Hierbei gehe es in erster Linie nicht um die Befriedigung sexueller Bedürfnisse, sondern um Dominanz, Macht und Kontrolle. Das Kind werde zum Objekt, über das ein Erwachsener frei verfüge. „Sexuelle Lust entsteht, nach Aussagen von Tätern, angesichts der Hilflosigkeit der Opfer. Es ist in der Regel nicht der Antrieb etwas zu tun“, betonte die Sozialpädagogin. Daher seien Begriffe wie „Triebtäter“ oder „Sexverbrechen“ fatal, weil sie in die falsche Richtung lenkten. Beim Wort Trieb werde die Verantwortung von sich abgewiesen, weil es etwas nicht Steuerbares impliziere. Zu häufig werde nur darauf geschaut, was das Opfer vermeintlich falsch gemacht hat. Sehr problematisch sei auch, dass Kinder, die von dem Erlebten erzählten, oftmals nicht ernst genommen würden. „Nur jeder neunte Erwachsene glaubt dem betroffenen Kind“, berichtete Brigitte Braun.

Zahlen im Bezug auf sexualisierte Gewalt

Deutlich geschockt zeigten sich die anwesenden Mütter und Väter bei den genannten Zahlen im Bezug auf sexualisierte Gewalt: 300.000 Kinder würden jedes Jahr sexuell missbraucht werden. Davon seien 80 Prozent Mädchen, 20 Prozent Jungs. Das bedeute, dass jedes vierte Mädchen und jeder zehnte Junge betroffen seien. Dabei sei kein Gefälle in der geografischen Lage feststellbar, zum Beispiel zwischen Stadt und Land, Süden und Norden. 95 Prozent der Täter seien dem Kind bekannt, der größte Teil davon mit ihm verwandt. In 90 Prozent der Fälle seien die Täter männlich und ein Drittel davon sei sogar noch unter 18 Jahren, wenn sie ihr erstes Delikt begehen. „Die wenigsten Täter tun es nach dem 25 Lebensjahr. Ich halte das für eine der wichtigsten Erkenntnisse. Das bedeutet, dass bei grenzverletzenden Verhalten durch Jungs entscheidend ist, deutlich eine Grenze zu ziehen“, hob die Sozialpädagogin hervor.

Nicht die Opfer sollten sich ändern, damit ihnen nichts passiere. Vielmehr seien Erwachsene dazu angehalten etwas zu tun. In manchen Fällen heißt das, großen Mut aufzubringen, wenn ein Verdacht im näheren Umfeld oder gar im Freundeskreis aufkommt. Der Missbrauch passiere nicht zufällig, sondern sei eine geplante und organisierte Tat. Dabei gingen die Täter häufig sehr geschickt vor. 38 Prozent davon befreundeten sich sogar mit den Eltern an, nachdem der erste Kontakt mit dem Kind hergestellt worden sei. „Das hat Logik. Wenn ein Junge zu seinem Papa sagt: Papa, dein Freund macht so komische Sachen mit mir, wird der Vater ganz anders reagieren, als wenn der Sohn sagt: Auf dem Spielplatz steht immer so ein Mann herum. Da ist er mit seinem Satz noch nicht fertig, da hat der Papa schon die Jacke an“, verdeutlichte Braun.

„Sie müssen einiges dafür tun, nicht erwischt zu werden“

Das wüssten Täter ganz genau. „Sie müssen einiges dafür tun, nicht erwischt zu werden“, folgerte die Fachberaterin. Was sie alles dafür tun, ginge aus Protokollen von Therapiegesprächen mit Tätern hervor. Sexualisierte Gewalttaten fänden häufig im familären und näheren Umfeld statt, wie zum Beispiel in Vereinen. Mit Bedauern habe Braun feststellen müssen: „Ehrenamtliche Tätigkeit gilt als die klassische Methode der Opferbeschaffung.“ Den Eltern riet sie, sich den Verein oder die Einrichtung genau anzusehen unter dem Aspekt, ob es hier ein Täter leicht oder schwer habe. Immer wieder appellierte Braun an die Eltern, bei Verdachtsmomenten, auch in Fällen, die nicht das eigene Kind beträfen, sich zu trauen dies anzusprechen und sich bei Unsicherheiten beispielsweise bei Wildwasser beraten zu lassen. „Wir tragen Verantwortung für alle Kinder“, hob die Sozialpädagogin hervor.

Wildwasser Darmstadt e.V., Wilhelminenstraße 19, 64283 Darmstadt, Telefonnummer: 06151/28871, www.wildwasser-darmstadt.de; E-Mail: info@wildwasser-darmstadt.de

Quelle: op-online.de

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