Auf das Bauchgefühl hören

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Kleine Person mit großem Auftritt vor dem mächtigen Gegner: Das schafft Eindruck auch in der Gruppe.

Altheim - „Lassen Sie mich los!“, schreit der sechsjährige Hagen aus Leibeskräften, während ihn eine Frau am Arm festhält. Was nach einer dramatischen Begegnung aussieht, ist Training für den Ernstfall. Von Ellen Jöckel

Sofort lässt Petra Jung den Arm des Kindergartenkindes frei und lobt ihn für seine Reaktion.

Jung ist vom Sicherheitstraining-Professionell (STP) und schult Heranwachsende im Erkennen von gefährlichen Situationen, sich selbst zu behaupten und eigenständig für ihre Sicherheit zu sorgen. Jedes Jahr aufs Neue haben die angehenden Schulanfänger des Evangelischen Kindergartens Altheim die Möglichkeit, an dem Selbstbehaupts- und Sicherheitstraining teilzunehmen. „Wir werden immer wieder von Eltern angesprochen, die wissen wollen, wie sie ihr Kind schützen können“, berichtet die Kindergartenleiterin Iris Kurz-Wolf.

Mut und richtiges Verhalten lernen

Aus Erfahrung finde der Kurs nun früher im Kindergartenjahr statt: „Die Kinder tragen ihr gelerntes Verhalten in ihre Gruppe. Bei bestimmten Situationen kann das von den Erziehern aufgegriffen werden. Davon profitiert dann die gesamte Gruppe“, erläutert Kurz-Wolf. So geht es nicht nur darum, bei Grenzüberschreitungen durch Erwachsene das richtige Verhalten zu erlernen, sondern auch, wenn andere Kinder ärgern oder drohen, den Mut zu entwickeln, deutlich Grenzen zu setzen.

„Stopp – lass‘ mich in Ruhe!“, ruft Eva laut und streckt ihren Arm mit erhobener Hand vor das Gesicht von Petra Jung, die in die Rolle der jugendlichen Schwester geschlüpft ist. Die schlechtgelaunte Schwester versucht hartnäckig, ihr aufgetragene Hausarbeiten an die kleine Schwester los zu werden und wird dabei auch handgreiflich. „Die Kinder lernen, ihrem Bauchgefühl zu vertrauen und darauf zu hören“, erklärt Jung. Das Bauchgefühl meldet sich bei den Fünf- und Sechsjährigen automatisch, als die Diplompädagogin den Arm von Tianna einfach nicht mehr loslässt und das schüchterne Mädchen sich nicht gegen die drei Köpfe größere Erwachsene durchsetzen kann. „Lassen Sie los!“, schreien die zwölf anderen Kinder aus ihrer Gruppe, so laut, dass die Wände des Bewegungsraums im Kindergarten zu wackeln scheinen. Als auch das nicht hilft, fällt einigen ein, was sie bereits am Vortag gelernt haben: Sie holen Hilfe, hier in Person einer Erzieherin. Jung lobt die Kinder und spielt mit ihnen zur Auflockerung das Bewegungsspiel „Bäumchen wechsel dich“, wo es darum geht, auf sich und andere aufzupassen. Das bereitet den Knirpsen Vergnügen.

Kinder sollen auf ihre Gefühle hören

„Wir schüren bei den Kindern keine Ängste. Ich achte sehr darauf, dass sich die Kinder wohlfühlen und Spaß haben. Dennoch ist Angst nicht unbedingt schlecht, denn sie macht vorsichtig. Die Kinder kommen nicht aus dem Kurs mit einem Omnipotenz-Bewusstsein heraus. Sie lernen, auf ihr Gefühl zu hören“, betont Jung. Dies werde den Eltern bereits beim vorausgehenden Informationsabend bewusst gemacht.

Neben Kindergärten ist Jung bereits seit vier Jahren im Rhein-Main-Gebiet vorwiegend an Grundschulen tätig. Ihre pädagogische Arbeit und die ihrer Teamkollegen basiert auf einem Konzept, welches von Polizei und Psychologen entwickelt wurde (mehr unter www.sicherheitstraining-professionell.de). Damit das Gelernte bei den Kindern auch präsent bleibe, empfiehlt das STP-Team, regelmäßig in Rollenspielen zu üben und offen über das Thema „Gewalt“ mit den Kindern zu reden.

Quelle: op-online.de

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