Der Ring fürs Leben ist aus Teflon

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Klaus Hillerich in schwindelnder Höhe beim Beringen der Störche am Nest auf dem Mast an der Kläranlage.

Münster - Meister Adebar und seine langbeinige Gattin leben schon lange auch ohne Ringe glücklich miteinander, doch ihr aktueller Nachwuchs wird das Nest an der Kläranlage Münster nicht unberingt verlassen. Von Thomas Meier

Gestern Morgen machten sich Klaus Hillerich, Willi Metzler und Wolfgang Kleinheinz vom Münsterer Naturschutzbund auf, die drei schon recht flügge gewordenen Störche zu beringen. Auf dass ihre Wege für die Zukunft nachvollziehbar sein mögen.

Wolfgang Kleinheinz arbeitet am Klärwerk und ist seit Jahren der NABU-Mann vor Ort. Willi Metzler gab sich wieder einmal bodenständig, passte auf, dass alles seine Ordnung hat und stellte die Leiter. Doch Klaus Hillerich war einmal mehr der Mann des Tages. Als ehrenamtlicher Beringer der Vogelwarte Helgoland – diesen Job versieht der 69-jährige Groß-Umstädter seit über 50 Jahren – oblag ihm der Aufstieg zum zwölf Meter hoch gelegenen Nest.

Es ist das fünfte Mal, dass der ehemalige Ausbilder für Biologielaboranten bei Merck in Münster den Mast an der Kläranlage empor stieg, um Storchennachwuchs fit für den kontrollierten Freiflug zu machen. Schon in seiner Jugend hatte er sich der Kletterei verschrieben, kraxelte als achtjähriger Bub die Pyramideneichen hoch, „um den Elstern in ihrem Nest zuzuschauen.“ Und das Klettern allein reichte ihm nicht. Als 1959 in Umstadt eine Gruppe im damaligen Bund für Vogelschutz, später NABU, gegründet wurde, war er mit dabei. Karl Rothmann, ein Mitgründer von damals, wurde sein großes Vorbild.

Bilder vom Storch-Nachwuchs und seinem Besuch

Naturschutzbund beringt Störche

Und so kletterte er gestern zum ungezählten Male empor, eine neue Generation von Ringen im Rucksack, aus Teflon und mit vielen Informationen für den Kenner versehen. Stets achtete Hillerich dabei auf seine Sicherheit, zwei Seile mit Karabinern sind bei ihm Pflicht.

Am Münsterer Nest angelangt, beobachteten die zuvor aufgeregt von dannen geflatterten Altvögel das Geschehen vom nahen Acker aus, derweil die drei Jungvögel im Nest in Schreckstarre gefallen waren. Akinese oder Katalepsie nennt sich die bedingte Bewegungslosigkeit, ein natürlicher Schutzinstinkt für die Brut.

So ließ es sich auf hohem Posten gut arbeiten am sehr sauber gehaltenen Nest. Hillerich lobte das Altpaar für das gute Brut- und Aufzugsgeschäft. Schnell taxierte der Experte, dass es höchste Zeit war mit dem Beringen. „Ich denke, morgen, übermorgen werden die kleinen Adebare schon kräftig mit dem Rudern beginnen“, sagte er. Sie stellen sich dann auf und flattern aufgeregt mit den noch untrainierten Flügeln, die es bis zum großen Abflug zu kräftigen gilt. „In zwei Wochen wird das Nest leer sein“, orakelt Hillerich, während er den im Nest am weitesten entfernten Storch mit einer „Nürnberger Schere“ am Schlafittchen packt, um ihn fürs Beringen näher heranzuziehen. Der Storch spielt dabei weiter toter Mann. Nicht mal für einen sterbenden Schwan reichten seine Regungen aus.

Hochspannungsleitungen als Todesfalle für Jungstörche

In wenigen Minuten ist die Aktion beendet, Hillerich klettert den Mast ebenso behände herunter wie zuvor rauf. „Ein einfacher Job“, lacht er, bei den 650 Schwarz- und 450 Rotmilanen, denen er in seinem Beringer-Leben schon das Erkennungszeichen überstreifte, war jeweils viel mehr Aufmerksamkeit notwendig. Greifvögel sind eben ein anderes Kaliber. Doch auch Rauchschwalben, so Hillerich, verlangten hohe Konzentration, da stelle sich nichts tot im höchst lebendigen Nest.

Mitte Februar kam das noch immer unberingte Storchenpaar dieses Jahr in Münster an. Schon Anfang März lagen die Eier im zuvor von den Eltern ausgebesserten Nest, das ihnen bereits im Vorjahr als Brutstätte diente. Den großen Vögeln Ringe anzulegen, wäre zu aufwändig und teuer. Treu sind sie auch ohne Ringe. Kaum war Hillerich weit genug vom Nest entfernt, flatterte auch schon wieder ein Elternvogel herbei. Der andere ließ einige Minuten länger auf sich warten, doch auch die unten mittlerweile staunend stehende Passantenschar störte die Störche nicht.

„Den Storchenpopulationen geht es gut bei uns“, sagen die NABU-Männer. So gut, dass mittlerweile rund 70 Paare sogar in Hessen überwintern. Teilweise jedoch auch deshalb, weil sie hier festgehalten worden sind, was man eigentlich nicht machen sollte.

Bei Biebesheim sind in diesem Jahr rund 50 Brutpaare aufgetaucht, bei Groß-Gerau knapp 70. „Das Nahrungsangebot ist gut, seit die Abwasser nur noch geklärt in die Natur zurückgelangen“, weiß Kleinheinz. Doch auch wenn es immer mehr werden, so bangen die Naturschützer stets um den Nachwuchs. Im ersten Jahr tritt der größte Schwund auf. Hochspannungsleitungen beispielsweise werden vielen Jungvögeln zum Verhängnis.

Um Storchengeschicke deutlich zu machen, dienen die Ringe. Und sie künden auch von solchen Schicksalen wie dem eines Methusalems unter den Adebaren. Ein stolzer Weißstorch flog vergangenes Jahr in Biebesheim vor ein Auto. 33 Jahre nachdem ihm jemand den Ring verpasst hatte...

Quelle: op-online.de

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