„Tanz der Derwische“ bis in die Ekstase

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Mystik des Islams: Die sich drehenden Derwische sind Bindeglieder zwischen der irdischen und der göttlichen Welt.

Münster - Nicht immer gibt ein Plakat gleich Aufschluss darüber, was die Besucher erwartet. So wie bei der Aufführung „Tanz der Derwische“ in der Kulturhalle in Münster. Von Michael Just

Mit der Verpflichtung eines Musik-Ensembles aus Mannheim und den sechs Männern und Frauen erfüllte sich ein lang gehegter Traum von Organisatorin Hülya Lehr, so etwas einmal in Münster zu zeigen. Rund 150 Personen kamen, um dem Spektakel beizuwohnen.

In unserem Kulturkreis fragen sich nicht wenige, was überhaupt ein Derwisch ist. „Derwische gehören zu einer muslimischen Ordensgemeinschaft, die für ihre Bescheidenheit und Disziplin bekannt ist“, findet man dazu im Lexikon. „Sie praktizieren den Sufismus.“ Das wirft gleich die nächste Frage auf: Was ist Sufismus? Der Sufismus ist die Mystik des Islams und strebt das Erkennen zwischen der diesseitigen, irdischen und der jenseitigen, göttlichen Welt an. Mithilfe des Trancetanzes (Sema), der im türkischen Mevlevi-Orden ausgeübt wird, fallen die Derwische für einen Kontakt mit Gott in Ekstase.

Tanz wie im Türkei-Urlaub

Meist lässt sich ein solcher Tanz nur mit viel Glück im Türkei-Urlaub erleben. Die Eppertshäuserin Irene Norton war schon mehrfach dort, auch im Osten, wo in Konya die Wiege der Tänze liegt. „In Deutschland habe ich das noch nie erlebt, bis auf einen orientalischen Abend in Aschaffenburg. Dort habe sich ein einzelner Mann mit vielen bunten Röcken gedreht, erzählt sie. Das sei reine Show gewesen. „Ich sah das schon in Konya“, sagt Yusuf Yildiz, der mit Frau und Mutter gekommen ist. Ihn fasziniere vor allem, dass die Tänze einen religiösen Ursprung haben. „Leider wird oft nur die Show gesehen und nicht das, was dahinter steckt“, bedauert er. Bevor es losging, hatten noch die Ehrengäste das Wort, darunter Ernest Hadinoto vom indonesischen Konsulat in Frankfurt sowie der evangelische Pfarrer Werner Stoklossa. Beide riefen die Religionen zur „Einhalt in der Vielfalt“ auf.

Damit vertraten sie auch ein Anliegen, das Organisatorin Hülya Lehr sehr am Herzen liegt. „Was wir heute Abend sehen, ist keine Show, sondern ein Gebet“, erklärte der dritte Ehrengast, Süleyman Wolf Bahn. Er gab den Zuschauern wertvolle Information über die Hintergründe des Tanzes. So gliedere der sich beispielsweise in vier Abschnitte, wobei der Höhepunkt am Ende stehe, wenn der Derwisch sich symbolisch durch das Dreh-Ritual schmetterlingsgleich auflöst und eine Einheit mit Gott bildet.

Ehrfurcht vor dem Ranghöheren und vor Gott

Bei der Abendveranstaltung wartete zuerst eine musikalische Einführung, dann bahnte sich der Höhepunkt an: Sechs Männer und Frauen mit langen, steil aufragenden Hüten schritten langsam herein. Immer wieder bezeugten sie ihre Ehrfurcht vor dem Ranghöheren und vor Gott. Ihre schwarzen Kostüme, die sie im Verlauf fallen ließen, stehen für die äußere Welt – das menschliche Ego und die Vergänglichkeit. Das weiße Kostüm darunter für die Erkenntnis. Die Musik steigerte das Tempo mit dem Drehen der Derwische um ihre eigene Person. Das geschah nicht auf der Bühne, sondern auf dem Parkett direkt vor den Zuschauern. Die Flöten, Zupfinstrumente und Trommeln schufen eine orientalisch, mystische Atmosphäre, die mit der sonoren Stimme des Sängers fesselte und fast wohltuend alles durchdrang.

Über 30 Minuten drehten sich die Derwische in der rund einstündigen Zeremonie. Ihre Gesichter waren versunken und abwesend, einige breiteten die Arme aus, als wollten sie Gott oder die Welt umarmen. Manchmal sammelten sie sich kurz, um sich danach gleich wieder viele 100 Malee zu drehen. Ins Taumeln geriet keiner von ihnen, eher wurde den Besuchern vom Zuschauen schwindelig. Am Ende nahmen die Derwische Platz auf ihren Fellen und ließen den Abend mit einem Gebet enden.

Von den Besuchern dürfte keiner sein Kommen bereut haben, denn die Aufführung ermöglichte einzigartige Einblicke in die türkische Kultur und Religionsausübung. Ein paar deutsche Zuschauer mehr hätte der Abend durchaus verdient: Er offenbarte eine gute Gelegenheit, sich, mit Blick auf die oft zitierte Integration, kennenzulernen und den Abend nicht nur als Veranstaltung, sondern als Dialog zu sehen.

Quelle: op-online.de

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