„Ereignisse vom Fernsehen aufgebauscht“

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Elmar Theveßen befasste sich in seinem Vortrag auch anhand von Film- und Fotomaterial mit der Entwicklung der islamischen Staaten.

Münster - „Nicht immer bildet das, was die Medien so verbreiten, genau die Wirklichkeit ab“, erklärte Elmar Theveßen am Donnerstagabend in der Kulturhalle in Münster. Von Ulrike Bernauer

Theveßen muss es wissen, schließlich ist er nicht nur der Leiter der Hauptredaktion Aktuelles und Terrorismusexperte, sondern auch der stellvertretende Chefredakteur des ZDF.

Die Sparkasse hatte einen Teil ihrer Kunden zum Vortrag mit dem Fernsehjournalisten geladen, und Hunderte sind der Einladung gefolgt.

Ein Stück Medienarbeit konnten die Vortragsbesucher auch am Rande mitbekommen. Kaum hat Sparkassendirektor Manfred Neßler, dem prominenten Gast gedankt, greift Theveßen zum Telefon. Er spricht mit der Redaktion des Heute-Journal und gibt sein Okay zum Senden eines Beitrages.

Das Thema von Theveßen hieß „Demokratie oder Gottesstaat? Arabische Welt am Scheideweg?“. Theveßen setzte sich mit zahlreichen islamischen Ländern auseinander und ihren Chancen, demokratischere Gesellschaften aufzubauen. Der Journalist gab dem Westen in mehrfacher Hinsicht eine Mitverantwortung an den Geschehnissen in zahlreichen nordafrikanischen Staaten, räumte ihnen aber auch Einfluss auf die kommenden Entwicklungen ein.

Zahlreiche Fragen stellte das Publikum dem Fernsehjournalisten.

Kritik an seinem Medium, dem Fernsehen, äußerte Theveßen recht unverblümt. So würden manche Ereignisse auch und gerade vom Fernsehen aufgebauscht. Als Beispiel nannte er die Ausschreitungen in der islamischen Welt nach der Veröffentlichung des Mohammed-Videos. Dabei sei der Eindruck entstanden, vor allem durch Bilder im Fernsehen, als stünden Hunderttausende oder Millionen hinter den Krawallen. Tatsächlich seien es aber auch in den jeweiligen Ländern oft nur recht kleine radikale Minderheiten.

Chancenlosigkeit und Doppelzüngigkeit

Helfen müsse die westliche Politik den jetzt entstandenen Regierungen, auch wenn diese in vielen Fällen islamistisch geprägt seien. Die demokratischen Kräfte müssten gestärkt werden. Nicht durch undifferenziertes Hereinpumpen von Geld, sondern durch gezieltes Fördern bestimmter Projekte. Nur so könnten sich die bereits erfolgten Interventionen des Westens, wie beispielsweise in Libyen, lohnen.

Theveßen beleuchtete auch den Weg von jungen Menschen in die Radikalisierung. Als Beispiel zeichnete er den Lebenslauf eines der Mitglieder der Sauerlandzelle, die von der Polizei verhaftet wurde, bevor sie Anschläge verüben konnte. Persönliche Schicksalsschläge radikalisierten eines der Mitglieder.

Entscheidend für die Radikalisierung bis hin zu den Selbstmordanschlägen seien in der Regel zwei Gründe: die oft erlebte Chancenlosigkeit junger Menschen im Beruf und persönlichen Lebensumständen in den islamischen Staaten, sowie die Doppelzüngigkeit des Westens, die Demokratie predigen, sich aber oft ganz anders verhalte – siehe Abu Ghuraib und das Gefangenenlager Guantanamo.

Der Journalist wies aber nicht nur der westlichen Politik Verantwortung für die Entwicklung zu, sondern auch jedem Einzelnen. Wenn man unbedingt exotischen Fisch essen müsse, dann schickten Firmen in der EU Fangflotten in die südlichen Gewässer, die den örtlichen Fischern die Lebensgrundlagen nähmen. Oft bleibe den Betroffenen nichts anderes, als zu hungern oder kriminell zu werden. Manche fänden so den Weg in den Terrorismus.

Reden und verhandeln, das war das Credo des Journalisten an diesem Abend. Zum einen müssten in der Berichterstattung die moderaten Anhänger des Islam, die die überwältigende Mehrheit stellten, viel mehr zu Wort kommen und nicht immer nur die Radikalen, die mit ihren Anschlägen immer für Aufmerksamkeit sorgten. Zum anderen dürfe auch nicht die Tür zu mutmaßlich radikalen Gruppen zugeschlagen werden. Nur durch Reden und Darstellen der Positionen lasse sich eine Annäherung erreichen.

Nach dem Vortrag beantwortete Theveßen noch viele Fragen aus dem Publikum ausführlich und sachkundig.

Quelle: op-online.de

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