Hauptsache der Ball war rund

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Altheim - Zu einem Jubiläum gehören Erinnerungen und zu Erinnerungen Fotos. So verwundert es nicht, dass viele Mitglieder des TSV Altheim zum 125-jährigen Bestehen, dass nun groß mit einer Festwoche gefeiert wurde, in ihrem Haus mal etwas genauer nach alten Aufnahmen gestöbert haben. Von Michael Just

„Wir mussten dazu nicht in den Keller oder auf den Dachboden. Wir haben ein Album mit alten Fotos zum TSV schon seit Jahren griffbereit“, erzählen Elisabeth und Wilhelm Bender. Zum Abschluss der Festwoche übergab der 83-Jährige nun eine ganz besondere Fotografie dem Verein und damit zu Händen des TSV-Vorsitzenden Thomas Haus.

Sie zeigt die allererste Fußball-Mannschaft des TSV Altheim, die 1946 auflief. Im Mittelpunkt stand dabei auch Willi Bender selbst: Noch nicht mal volljährig ging von ihm sowie Alfred Hirsch in jenem Jahr die Initiative aus, eine Fußballabteilung zu gründen.

Zum Team gehörten:

Zum Team gehörten Helmut Pfeil, Waldemar Stoss, Erich Lehr, Theo Krauser, Erich Dorfeld, Wilhelm Funck, Karl-Heinz Müller, Wilhelm Diehl sowie Alfred Hirsch und Willi Bender. Wer die Jahreszahl 1946 liest, weiß sofort, dass die Gründung nur ein Jahr nach Kriegsende geschah. Zu dieser Zeit war Deutschland arm. Uns so sahen auch die Sportgeräte aus: Entweder wurden alte Bälle mit viel Flickschusterei wieder aufgewertet oder selbst mit Stoff- und Lederresten etwas Rundes erzeugt. „Hauptsache ein Ball lag vor den Füßen“, erinnert sich Bender. Durch die großen Nahtstellen auf der Außenseite war das Köpfen laut dem ehemaligen Schlosser kein Vergnügen und bereitete nicht selten sogar ziemliche Kopfschmerzen.

Die Fußballabteilung gründete Willi Bender zusammen mit Alfred Hirsch, der bereits verstorben ist. Hirsch hatte es nach dem Krieg von Frankfurt nach Altheim verschlagen. Der Grund: Die Dörfer auf dem Land zeigten sich nach den Luftangriffe durch die Alliierten weit weniger zerstört als die Großstädte wie Frankfurt. Da die Mutter von Hirsch aus Altheim kam, führte der Weg quasi zurück zu den Wurzeln.

Die Armut nach dem Krieg offenbarte sich neben den Bällen auch im Schuhwerk. Große Fußball-Künste und Zaubereien ließen sich damit kaum umsetzen. „Ich hatte zum Kicken ein paar Handball-Schuhe. Die hatten mir die Amerikaner geschenkt“, erzählt Bender. Mit den Handballschuhen lagen die Amerikaner alles andere als daneben, denn Handball wurde beim TSV Altheim schon lange vor Fußball gespielt. Dass Bender die Schuhe ein wenig zweckentfremdete fiel zu dieser Zeit nicht weiter auf. „Manchmal hab ich damit als Rechtsaußen sogar ein Tor geschossen“, sagt er.

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Die Tore fielen aber nur dann, wenn die körperliche Kraft das zuließ. Die war nicht immer präsent, vor allem wenn es zu einem Auswärtsspiel ging. Um dorthin zu kommen, standen nämlich keine Autos, sondern lediglich Fahrräder zur Verfügung. Auf dem Drahtesel wurde bis in den Odenwald, wie etwa nach Brensbach, gestrampelt – in jenen Tagen noch gänzlich ohne Gangschaltung. Nicht selten saß sogar ein Mitspieler zusätzlich vorne auf der Lenkerstange. So waren die Kicker oft schon müde, bevor sie den Sportplatz der gegnerischen Mannschaft erreichten und der Anpfiff des Schiedsrichters ertönte. Nicht nur der Mitbegründer der TSV Fußball-Abteilung weiß, dass sich heutzutage wohl kaum noch jemand zu einem Auswärtsspiel im Sattel eines Fahrrades bemühen würde. Nach der Zeit als Kicker wechselte Bender das Metier und musizierte im Altheimer Spielmannszug. Für verdiente Fußball-Recken gab es damals mit einer Alt-Herren-Mannschaft noch kein Angebot.

Die historische Fotografie des 83-Jährigen gehört mit zu den wertvollsten Erinnerungen über die Geschichte des TSV Altheim. In naher Zukunft wird das Foto das einzige Relikt über eine sportlich wegweisende Zeit für den Münsterer Gemeindeteil sein. Denn die Zeitzeugen auf dem Foto werden von Jahr zu Jahr weniger. Von den Männern der ersten Stunde leben heute gerade noch vier. Für eine begrenzte Zeit können sie noch erzählen, wie König Fußball zum TSV Altheim kam.

Quelle: op-online.de

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