Traditionsgeschäft Radio Oesterreicher schließt

Umschalten auf neuen Abschnitt

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Stellen sich auf einen neuen Lebensabschnitt ein: Annelore und Günter Oestreicher.

Münster - Die Aufkleber bei Radio Oestreicher waren für viele Münsterer ein Schock: „Alles muss raus“ war da vor wenigen Wochen zu lesen. An den Flachbildschirmen prangten rote Pfeile, die einen Preissturz signalisierten.  Von Michael Just

Am 31. Dezember endete der Ausverkauf und machte endgültig gewiss: Nach fast 30 Jahren schließt das Traditionsgeschäft Radio Oestreicher in der Mozartstraße. „Wir haben schon Anfang 2012 darauf hingearbeitet, dass jetzt Schluss ist“, erzählt Annelore Oestreicher. Das Ende einer Ära ist zwei Dingen geschuldet: Zum einen dem rentenfähigen Alter von Günter Oestreicher (63), zum anderen der prekären Situation im Elektronik-Einzelhandel. „Wenn man heute so ein Geschäft wie das unsere nochmal aufmachen würde, wäre das eine Totgeburt“, formulieren es beide ganz direkt. Früher holten die Elektronik-Experten drei bis vier Fernseher am Tag beim Kunden zum Reparieren ab und fuhren die gleiche Zahl auch wieder weg. Dies wurde in den letzten Jahren immer weniger. Damit hatten auch die Werkstatt und ein Angestellter kaum noch etwas zu tun. Die Gerätehersteller taten ihr übriges, indem sie schon nach drei Jahren keine Ersatzteile mehr lieferten. Mit den Flachbildschirmen brach das Geschäft dann vollends weg.

„Dazu hat uns das Internet mit seinem Onlinehandel das Leben erschwert“, fügt das Paar hinzu. Mit diesen Preisen könne kein Einzelhändler konkurrieren. Mitte des Jahres hat das Traditionsgeschäft die Umstellung beim Rundfunkempfang von analog auf digital als letzte Einnahmemöglichkeit noch mitgenommen. Wie Annelore Oestreicher sagt, hatten sich die Kinder glücklicherweise schon rechtzeitig umorientiert: „Wir haben nicht darauf hingearbeitet, dass sie das Geschäft irgendwann übernehmen.“ So ist der Sohn bei der Polizei, die Tochter arbeitet als Physiotherapeutin.

Der Service geht noch weiter

Ein kleines bisschen Oestreicher bleibt Münster aber noch erhalten: So ist der Laden zwar zu, der Service geht aber noch eine Weile weiter – auch um Garantien zu gewährleisten. Zudem sieht sich Annelore Oestreicher für das Altenteil mit 53 Jahren noch zu jung. Derzeit hat sie die Beteiligung an einem Café vor Augen, das bald am Rathausplatz eröffnen soll. Die Räume ihres einstigen Radiogeschäfts bleiben nach jüngstem Stand nicht leer: Ein Fotograf und eine Goldschmiedemeisterin hätten Interesse angemeldet.

Bleibt die Frage nach dem Gewerbeverein. Eigentlich wollte Annelore Oestreicher den Vorsitz abgeben. Nun will sie die Versammlung im Frühjahr abwarten und zumindest als Beisitzerin weiter agieren. „Zum Aufhören hab ich einfach zu viel Herzblut reingesteckt“, sagt sie. Das Ende des eigenen Betriebs verbindet sie mit einem Aufruf an die Bürger, die Geschäfte im Ort zu unterstützen: „Damit wird Lebensqualität im Zentrum bewahrt.“

Vor allem die Gespräche mit der Kundschaft und der menschliche Austausch werden ihr fehlen. Noch ein paar Monate werden die Oestreichers in Sachen Service für ihre Kunden dasein. „Das ist für die Generation, die uns braucht“, sagen sie. Danach könne man nicht mehr helfen. Das tragen die beiden Münsterer aber mit Fassung: „Wer dann kommt, hat uns vorher auch nicht gesucht.“

Quelle: op-online.de

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