Wo Unke und Sumpfmeise zuhause sind

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Viele Insekten ernähren sich von totem Holz (links), das im Wald belassen wird.

Münster - „Urwald“ – mit diesem Begriff verbinden viele Menschen tropischen Regenwald und exotische Tiere. Einen Urwald beinahe direkt vor der eigenen Haustür? Das ist erst einmal unvorstellbar. Von Ellen Jöckel

Nach Definition der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) sind Urwälder Waldgebiete, die eine natürliche Vegetation aufweisen, ohne sichtbaren menschlichen Einfluss sind und deren natürliche Dynamik ungestört verläuft. „Ich habe mich zuerst gefragt, ob es nicht zu gewagt ist, bei diesem Waldstück am Erlenbach westlich der Muna von einem Urwald zu sprechen“, gibtMatthias Kisling vom Naturschutzbund (NABU) schmunzelnd zu, während er mit großen Schritten durch das unwegsame Gelände mit brusthohen Gräsern stapft. Kleine Frösche springen flüchtend zur Seite. „Auf jeden Fall erregt der Begriff Aufmerksamkeit, die wir gut gebrauchen können“, fügt Kisling lachend hinzu.

Viele Insekten ernähren sich von totem Holz (links), das im Wald belassen wird.

Der „Urvater“ des Projekts „Urwald am Erlenbach“ scheint jeden Quadratmeter des zehn Hektar großen Bereichs im Altheimer Wald zwischen Münster und Messel ganz genau zu kennen. Für Unwissende weisen große Informationstafeln am Rande der Fläche auf die Besonderheit dieses Waldteils hin.
Bis ein Stück Wald, das lange Zeit forstwirtschaftlich genutzt wurde, wieder ursprünglich ist, gehen einige Jahrzehnte ins Land. Im Sommer 2007 beschloss die Münsterer Gemeindevertretung auf Anregung des Naturschutzbundes Deutschland, dass in diesem Gebiet kein Holz mehr eingeschlagen wird und sich die Bäume bis zu ihrem natürlichen Absterben weiterentwickeln können. So kann durch natürlich dynamische Abläufe nach und nach ein unbeeinflusstes Ökosystem entstehen, also ein Urwald.

Um diesen Prozess ein wenig zu beschleunigen, wurden die menschlichen Eingriffe der Vergangenheit weitgehend wieder rückgängig gemacht. Die im vergangenen Jahrhundert angelegten Entwässerungsgräben zur Steigerung des Holzertrages wurden verschlossen, damit der Erlenbruchwald auch im Sommer feucht bleibt. Das so entstandene Feuchtbiotop bietet einen paradiesischen Lebensraum für Amphibien wie Frösche, Kröten, Unken, Salamander oder Nattern; auch Vögel wie Sumpfmeise, Schwarzspecht oder Waldschnepfe sowie zahlreiche Insektenarten und Sumpfpflanzen fühlen sich wohl. Fichten, die nach der Entwässerung des Gebietes gepflanzt worden sind, wurden entnommen, um den 120 Jahre alten Schwarzerlen oder den an höheren Stellen wachsenden Eichen, Eschen und Buchen Platz zu machen.

Dass die Bäume größtenteils dasselbe Alter haben, liegt nach Einschätzung Kislings an einem Kahlschlag, welcher etwa 1885 erfolgte. „Das Besondere an dem Gebiet ist, das es durch den Erlenbach sehr feucht ist. An solchen Überschwemmungs-Standorten können nur Erlen wachsen“, führt Kisling aus.

Auf der Hand von Matthias Kisling vom Münsterer Naturschutzbund fühlt sich ein winziger Frosch wohl.

Was sonst großen Schaden anrichtet, kam den Erlen unweit der Muna zugute: Sie konnten deshalb so alt werden, weil die nach dem Zweiten Weltkrieg herumliegende Munition und Granaten ein Fällen der Bäume unmöglich machte. Nun gehört der Einschlag der Bäume zum optimalen Hiebreifezeitpunkt komplett der Vergangenheit an. „In einem Urwald gibt es sehr viel stehendes Totholz, was der Tierwelt zugute kommt“, erläutert Naturschützer Kisling und zeigt auf einen durchlöcherten Baumstamm, neben dem jede Menge Holzspäne liegen. Insekten ernähren sich von den durch faulendes Holz freigesetzten Nährstoffen. Davon profitieren dann wieder viele Vogelarten, insbesondere die Spechte.
Über das Projekt „Urwald am Erlenbach“ hinaus setzt die Gemeindevertretung Münster derzeit in Zusammenarbeit mit dem NABU auch eine Biotop-Verbundplanung um. Hierbei soll die Erlenbachaue bis zum 400 Meter entfernten Muna-Zaun wieder naturnah gestaltet werden. Vorgesehen ist auch die Renaturierung der beiden Adams-Teiche auf der gegenüberliegenden Seite der Altheimer Grenzschneise, die am „Urwald“ entlangläuft.

Die Bemühungen um Naturschutz im eigenen Wald hat sich die Gemeindevertretung Münster nach Angaben Kislings von der nationalen Organisation Forest Stewardship Council (FSC) zertifizieren lassen. Damit verpflichtet sie sich, strenge Kriterien bei der Bewirtschaftung des Waldes in Bezug auf Abholzung und Belastung der Umwelt einzuhalten.

Für die Entscheidung, sich einen Teil des Waldes zum Urwald entwickeln zu lassen, erhielt die Gemeinde 700 000 Biotopwertpunkte auf ihr Ökokonto bei der Unteren Naturschutzbehörde. Mit diesen Punkten können Eingriffe in Natur und Landschaft, beispielsweise Bauvorhaben, ausgeglichen werden.

Quelle: op-online.de

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