Bilanz zur „Tausch! 2019“: Der Ort beeinflusst den Entstehungsprozess des Kreativen

Ob urban oder rural: Hauptsache Kunst

Das Künstlerduo Katharina Eckert und Yuhao Tong aus Taiwan lud beim Kunstfestival „Tausch!“ im Altheimer Arthaus alle Gäste zur gemeinsamen Kunstaktion ein. Foto: zeta

Altheim – Die Kulturszene im Landkreis ist seit dem Wochenende um einen Begriff reicher. „Rural“ ist das Wort, das im Arthaus in Altheim immer wieder zu hören und zu lesen war und sich seither im Kunstbetrieb etablieren dürfte.

Übersetzt ist es schnell. Rural heißt schlicht „ländlich“, und es wurde während der Kunstmesse „Tausch!“ mehrmals die Frage gestellt, warum man dann nicht ländlich sagt. Die Antwort ist nicht ganz einfach, aber durchaus plausibel. Denn anstelle von „städtisch“ ist der lateinische Begriff „urban“ allgemein gebräuchlich. Für den Gegensatz gibt es keine vergleichbare Bezeichnung.

Diese Unterschiede im Sprachgebrauch machten auch das Gefälle zwischen städtischer und ländlicher – oder urbaner und ruraler – Kunst deutlich, finden die Veranstalter der ersten Kunstmesse in Altheim.

Ein Gefälle gibt es tatsächlich. Nicht in der Qualität der Kunst, aber in Art und Umfang der Finanzierung sowie in den Möglichkeiten der Darstellung. Während in den Städten Galerien und Ausstellungsräume, Schauspielhäuser, Literatur- und Kulturzentren Ausdruck des „urbanen“ Lebens sind, sind im ländlichen „ruralen“ Raum Kunst- und Kultureinrichtungen wie das Altheimer Arthaus eine Ausnahme.

Neben der Kreativität und dem künstlerischen Schaffen braucht es eine außerordentliche Kraft und Liebe zur Region, dem ländlichen Raum und den Menschen, um einen Ort wie das Arthaus zu gestalten und weiterzuentwickeln. Der Arthaus-Verein Münster-Altheim stellte nun mit dem Kunstverein Eulengasse aus Frankfurt und dem Bund Offenbacher Künstler (BOK) in einer Kooperationsveranstaltung das Spannungsfeld der Kunst im ruralen Raum in den Mittelpunkt.

Beim viertägigen Kunstfestival waren alle Menschen eingeladen, Kunst zu erleben und selbst zu erschaffen. Egal, ob sie bereits als Künstler tätig sind und mit neuen Ausdrucksformen experimentieren oder ob sie zum ersten Mal kreativ sein wollten. Denn jeder Mensch ist ein Künstler, hat Josef Beuys einmal gesagt.

„Er meinte damit, dass jeder Mensch in der Lage ist, sich kreativ auszudrücken“, sagt Martina Templin, die mit Sabine Voigt einen der verschiedenen Kreativ-Workshops anbot. Dass sich nur wenige an die Kunst heranwagen, liege daran, dass jedes Werk zu schnell bewertet würde. „Die meisten Menschen trauen sich nicht, künstlerisch frei zu agieren, weil sie ihre eigenen Werke sofort kategorisieren und eine Beurteilung durch andere fürchten. Stattdessen sollte man seine Arbeit einfach einmal ohne Wertung betrachten“, findet Templin.

In ihrem Workshop sind die Utensilien für die Erschaffung von Kunstwerken Schwämme, Farbrollen, Holzstempel und sogar Flip-Flops. Alles kann also dazu dienen, einen kreativen Prozess in Gang zu setzen. „Kunst verfolgt zunächst einmal keinen Zweck“, sagt Hans-Peter Schmücker vom Arthaus-Verein. „Wenn ich mit dem Malen beginne, geht es mir zunächst um den Schaffensprozess, nicht darum, etwas für andere Menschen darzustellen.“ Die Betrachtung kommt erst später, und sie kann durchaus für Überraschungen sorgen.

„Kunst sollte rätselhaft bleiben und die Möglichkeit zur Interpretation offenlassen“, sagt Schmücker. Wichtiger noch als die Aussage eines Werks sei die emotionale Verbindung, die über die Kunst entsteht. Auch Sibyll Ariane Keller vom Kunstverein Eulengasse misst der emotionalen Ebene eine große Bedeutung bei. Sie hat, begleitet von einer indischen Sängerin, ein Kunstwerk geschaffen, das durch die musikalische Begleitung und durch den Ort, an dem es entstand, erst zu dem wurde, was es ist.

Ob städtisch oder ländlich, öffentlich oder ganz privat, hell und weit oder dunkel und beengt – der Ort, an dem Kunst entspringt, beeinflusst die Kreativität und den Entstehungsprozess. Darin waren sich Künstler und Besucher der Tausch-Messe einig. Der rurale, ländliche Raum kann in gleichem Maße inspirierend und belebend sein, wie die urbane Umgebung. Das bewies das erste Kunstfestival im Altheimer Arthaus.  zeta

Quelle: op-online.de

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