Urteil für Messerstecher

Weniger Haft dank Nichte

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Münster - Frauen haben mehr Einfluss auf Männer, als sie sich oft selbst zugestehen. Dem beherzten Eingreifen von L. Y. , der Tochter des Opfers Ada Y. , ist es hauptsächlich zu verdanken, dass der Angeklagte Hüseyin Ü. am Landgericht Darmstadt nicht für versuchten Totschlag, sondern „nur“ wegen gefährlicher Körperverletzung in zwei Fällen zu drei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt wird. Von Silke Gelhausen-Schüßler

Der 52-jährige Griesheimer Ü. hatte wegen einer Familienstreitigkeit am 16. November 2012 seinen Schwager A. Y. zur Aussprache vor dessen Wohnung in der Münsterer Goethestraße gebeten. Ohne die Sache erstmal mit Worten zu klären, attackierte Ü. den Schwager mit einem Klappmesser am Bein, brachte ihn zu Fall und stach ihm dreimal in den Bauch. Dessen zu Hilfe eilenden Bruder M. Y. wehrte er mit einem zehn Zentimeter langen Schnitt in Richtung Achsel ab, wobei er selbst von M. mit der kleinen Klinge eines Schweizer Messers eine Wunde am Hals abbekam. Erst durch die auftauchende L., die entsetzt rief: „Onkel, hör auf!“, lässt Ü. ab. Dieses durch Zeugenaussagen untermauerte Verhalten wertet Richter Volker Wagner als Beweis für eine fehlende Tötungsabsicht - hätte er doch weiter zustechen können. Staatsanwalt Bernd Kunkelmann und beide Nebenkläger sehen dieses Detail dagegen für eine Strafmilderung unzureichend, sie plädieren erfolglos auf sieben Jahre Haft.

Beinahe hätte die Geschichte auch tödlich geendet. Nur das sofortige Eintreffen der Rettungskräfte und eine Notoperation konnten bei Ada Y. zu starken Blutverlust verhindern. Der Frankfurter Gerichtsmediziner Dr. Hans Werner Leukel führte während dessen zehntägigem Krankenhausaufenthalt die Untersuchung durch. Anschaulich schildert er vor Gericht die schweren Verletzungen des 46-jährigen Musikers: „Die Stichkanäle sind mindestens drei bis fünf Zentimeter lang. Durchaus vorstellbar sind aber auch bis zu neun Zentimeter. Eine Schlagader an der Bauchwand war verletzt, eine Dünndarmschlinge und die Nierenkapsel. Jede dieser Verletzungen für sich ist potenziell lebensgefährlich!“ Die Stiche und Schnitte bei Mustafa Y. und Ü. seien nicht so gefährlich gewesen.

Direkt nach der Urteilsbegründung schreit ein naher Verwandter im Zuschauerraum vier mal auf deutsch und türkisch: „Wo ist die Gerechtigkeit?“

Quelle: op-online.de

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