Prozessauftakt am Landgericht Darmstadt

Verdacht des schweren Raubes in Münster: „Er soll dafür büßen“

Darmstadt/Münster - „Wir gehen dahin und holen, was uns zusteht!“ – auch eine Möglichkeit, sich einen Raubüberfall schön zu reden. Dass die Staatsanwaltschaft die Sache anders einschätzen würde, war vorhersehbar. Von Silke Gelhausen

Jetzt muss sich ein junges Gaunerpärchen wegen besonders schwerem Raub vor dem Landgerichts Darmstadt verantworten.
Bewaffnet mit einem Teleskopschlagstock sollen Julia H. und David M. am 28. August vergangenen Jahres an der Wohnungstür ihres Bekannten E. in Münster geklingelt haben. Als der die Tür öffnete, sollen beide in die Räume eingedrungen sein und mehrere Kleidungsstücke, ein Mobiltelefon, eine EC-Karte und einen Monitor entwendet haben. Geschätzter Wert: 1000 Euro. Der 23-Jährige setzte dabei den Schlagstock mutmaßlich als Drohwerkzeug ein.

Neben diesem gewichtigen Anklagepunkt hat Staatsanwalt Thomas Betten für den jungen Angeklagten noch sechs weitere Verfehlungen in petto. Einige Wochen nach dem Überfall: M. sitzt in Weiterstädter Untersuchungshaft. Als ein Vollzugsbeamter den routinemäßigen Zellen-Check macht, schlägt M. ihm mit der Faust ins Gesicht. Dabei soll der Vorbestrafte gesagt haben: „Es ist nicht gegen dich, ich will nur hier raus.“

Bereits im Juli und November 2016 zwei Gewaltausbrüche: In der Psychiatrie in Groß-Umstadt, wo M. freiwillig weilt, ruft eine Ärztin die Polizei, weil sie bei ihm „Eigen- und Fremdgefährdung“ sieht. Als die Beamten eintreffen, versucht M. zu fliehen, schlägt einem Ordnungshüter ins Gesicht. Mehrere Personen sind notwendig, um ihn ruhig zu stellen und mitzunehmen.

Vier Monate später soll er den Kopf eines Mitpatienten in der Riedstädter Psychiatrie gegen die Wand geknallt haben. Die als Zeugin vernommene Sozialarbeiterin: „Der Konflikt wegen zugeknallter Türen schwelte wohl schon seit Mittag. Nachts hat M. dann den H. angegriffen. Dem hat der Angriff blaue Flecken und eine bis heute andauernde Retraumatisierung beschert.“ M. sei danach aus der Einrichtung entlassen worden. Mit zwei Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz und einmal Fahren ohne Fahrerlaubnis endet die Anklageschrift.

Am ersten Verhandlungstag ist der psychiatrische Gutachter abwesend. Deshalb will sich der zum Tatzeitpunkt Wohnungslose auf Anraten seines Strafverteidigers Axel Weber nicht äußern. Umso ausführlicher berichtet die 20-jährige Angeklagte über Vita und Tathergang. Sie und M. waren damals ein Paar und pendelten zwischen Therapieeinrichtungen und Obdachlosigkeit hin und her. Sie hatten sich in einer Bayreuther Entgiftungsklinik kennengelernt. Nach der Entlassung besorgten sie sich sofort wieder Ecstasy und Speed, schluckten mehr als zehn Pillen am Tag. „Seit meinem 15. Lebensjahr konsumiere ich und bin seit Ende 2017 clean. Ich habe seit einem Monat einen Minijob und bin im dritten Monat schwanger.“

Von Drogen und Entgleisungen geprägt sei dagegen ihre Zeit mit M. gewesen. Fast jeden Tag gab es Schläge, einmal habe sie eine Gehirnerschütterung davon getragen. Die Groß-Umstädterin erinnert sich: „Im Obdachlosenheim hat er ständig die Musik aufgedreht um die Leute zu provozieren. Dauernd kam deswegen die Polizei. Meiner Meinung nach ist er psychotisch und hat Wahnvorstellungen. Er behauptet, Satan zu sein.“

Archivbilder

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Hinten in den Zuschauerreihen sitzt M.s zierliche Mutter und klebt an den Lippen der Angeklagten. Sie kann ihre emotionalen Regungen kaum verbergen, möchte am liebsten dazwischen rufen. Meist schüttelt sie mit dem Kopf, als seien die Aussagen der jungen Frau erfunden.

Den Tathergang erklärt H. wie folgt: „Wir waren am Tag vorher bei E. zum Fußballgucken. Da gab es auch wieder Streit. E. hat M. eine Backpfeife gegeben, weil ich ihm erzählt habe, das er mich schlägt. E. soll ihm auch 50 Euro geklaut und ihn ins Bad eingesperrt haben.“ Am Tag drauf sei M. sehr aggressiv gewesen: „Er soll dafür büßen!“. Sie seien zu E. hin und hätten geklingelt. „Ich habe dann auf M.s Anweisung hin aus Angst Kleidung und ein paar Schuhe mitgenommen, obwohl ich das nicht wollte. Das er den Schlagstock dabei hatte, wusste ich. Was er in der Zeit, als ich im Schlafzimmer war, gemacht hat, hab ich aber nicht mit bekommen.“ so die Angeklagte.

Der Prozess soll in zwei Wochen beendet werden.

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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