Lesen lohnt sich

Münster - Wenn Felicitas Göbel den Brain-Boy anschaltet, testet sie keine Videospiele, sondern die Hörfunktion. Von Katharina Hempel

„Kann das Gehirn Tonhöhen nicht richtig wahrnehmen, kann das eine der Ursachen für Lese-Rechtschreib-Schwäche, kurz LRS, sein“, erklärt sie und fügt hinzu: „Es gibt verschiedene LRS-Trainingsmethoden. Wenn aber die Unterscheidung der Low-Level-Töne nicht funktioniert, bringt auch alles andere wenig.“

Vor knapp zwei Jahren ist Felicitas Göbel nach Münster gezogen. Davor lebte sie in Darmstadt. „Dort ist auch mein Projekt entstanden, das die Lesekompetenz von Kindern und Jugendlichen stärken soll. Durch Motivation und Kreativität.“ Dafür wendet die Münsterin das Warnke-Verfahren an. Eine Methode, mit der die Fertigkeiten für einen reibungslosen Schriftspracherwerb gebildet, getestet und trainiert werden. Als Mitbegründerin des Vereins „Lesen und Kultur für alle“ würde sie das Projekt auch gerne an Schulen in Münster, Eppertshausen oder Umgebung anbieten.

Schwäche kann trainiert werden

Bei Kindern und Jugendlichen, die mit dem Verdacht auf LRS zu ihr kommen, prüft Felicitas Göbel zunächst die sogenannte basale Hörfunktion, die Unterscheidung der Tonhöhen. „Können meine Schüler diese nicht wahrnehmen, liegt das daran, dass die Synapsen im Gehirn nicht richtig miteinander verbunden sind. Zwischen ihnen findet also kein Informationsaustausch statt.“

Das ist auch eine Ursache der LRS. Wer diese Schwäche hat, kann beispielsweise bei Diktaten nicht zwischen Nutzschall und Störschall unterscheiden. Das, was der Lehrer diktiert (Nutzschall), vermischt sich mit allen anderen Geräuschen im Klassenraum (Störschall) zu einem undurchdringlichen Geräuschebrei. Im Kopf und im Heft: Chaos.

Doch die Unterscheidung zwischen nützlichen und störenden Tönen lässt sich trainieren. Felicitas Göbel: „Ähnlich wie bei einem verkürzten Bein, können auch die ,Hörmuskeln’ gestärkt werden.“ Dafür setzt sie ihren Schülern Kopfhörer auf und gibt ihnen eine weitere Version des Brain-Boys in die Hand. Auf dem Gerät sind zwei Knöpfe. Einer für links, einer für rechts. Die Schüler müssen die Taste für das Ohr drücken, wo sie den tieferen Ton hören.

Lesen mit Kopfhörern und Mikrofon

Die Lesetrainerin ist ursprünglich Architektin. Doch Häuser interessierten sie nie so sehr wie Lesen und Schreiben. „Selbst schreiben oder lesen und mit Kindern etwas aufbauen – diese Leidenschaft steckte schon immer in mir drin“, erklärt sie ihren Berufswechsel und schmunzelt. Darum hat sie sich wieder eingeschrieben und studiert nebenbei Theaterpädagogik. „Die umfasst eigentlich alles, was ich zurzeit mache, und was mich interessiert: Regie, Ausdruck, Pädagogik und Stimmbildung“, sagt sie.

Weitere Informationen finden Sie auf der Homepage des Vereins.

Die Stimme setzen sie und ihre Schüler auch ein beim nächsten Übungsschritt in der LRS-Therapie. Mit Kopfhörern und Mikrofonen ausgestattet lesen sie ein Buch. „Dabei geht das Kind einen Textabschnitt erst leise durch. Dann lesen wir die Passage gemeinsam laut vor. Dabei wandert der Ton, den die Mikrofone von uns aufnehmen, im Kopfhörer von links nach rechts. Das stimuliert die beiden Hirnhälften und stärkt deren Verbindung“, erklärt Felicitas Göbel.

„Ich habe auch schon mit Kindern gearbeitet, von denen einige sagten ‘es lohnt sich nicht, mit denen zu lesen’. Doch auch diese Kinder hatten tolle Erfolge. Und gerade mit Mikro hören sie, dass mehr in ihnen steckt, als sie denken.“

Quelle: op-online.de

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