Verrücktes Fest

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Skulpturenbau einmal anders zeigen die vier Akrobaten von „Atlantis“. Sie sind Teil der neuen Da-Capo-Produktion „Crazy“.

Münster/Darmstadt ‐ „Crazy“ – verrückt – heißt das neue Varieté-Programm von Da Capo, das derzeit auf dem Darmstädter Karolinenplatz gastiert. Von Michael Just

Unglaublich ist nicht nur die Show, sondern auch die Tatsache, dass es James Jungeli, dem Kopf hinter Da Capo, bereits seit 17 Jahren schafft, wieder und wieder ein Varieté der Spitzenklasse zu präsentieren. Nicht etwa in einer Halle, sondern in einem eigens in Italien kreierten Zelt – dem Royalpalast – finden 580 Gäste Platz. Auch für sein neues Programm ist Jungeli wieder mehrere Wochen durch Europa gereist und hat die besten Artisten verpflichtet, die er finden konnte. Es ist ein Multi-Kulti-Ensemble aus England, Frankreich, der Schweiz und der Ukraine.

Körper, die biegsamem Stahl gleichen

Die Produktion „Crazy“ gastiert noch bis zum 3. Januar auf dem Darmstädter Karolinenplatz. Näheres im Internet unter www.dacapo-variete.de.

Das verrückte Varieté eröffnet der französische Musical- und Chanson-Star Annick Burger mit dem Kiewer Ballett „A8“. Dessen moderne und fantasiereiche Choreografien begeistern das Publikum mehrfach während einer Vorstellung. Mit magischem Muskelspiel und Körpern, die biegsamem Stahl gleichen, bauen die vier Akrobaten von „Atlantis“ menschliche Skulpturen in die Höhe. Jemile Gomari verknüpft Fußball und Jongliertechnik der Extraklasse: Mit bis zu fünf Fußbällen jongliert er derart rasant, dass die Augen der Besucher kaum folgen können. „Crazy“ wird es zum ersten Mal, als Gummimensch Sasha die Bühne betritt. Er schafft es, sich in die unglaublichsten Positionen zu manövrieren und dreht seinen Oberkörper dabei fast um 180 Grad. Was am Anfang als Illusion erscheint, entpuppt sich bei nacktem Oberkörper und gespannter Haut als real existierende Körperkunst. Stets frech-fröhlich grinsend und mit der Attitüde eines Lausbuben stellt er einen der Höhepunkte des Abends dar. Über eine Körperbeherrschung der besonderen Art verfügt auch Aurelie: Anmutig wie eine Elfe zeigt sie eine Handstand-Equilibristik mit Taube. Fast verzaubernd wirkt die Harmonie zwischen Mensch und Vogel, der stets auf den höchsten Punkt des Körpers klettert. Den Wein zur Seite stellen, weil ihnen der Atem stockt, müssen die Zuschauer bei Freddy Nock und Mica. In diesem Jahr stellte Nock bereits einen Weltrekord auf, als er auf dem Drahtseil der Zugspitze-Gletscherbahn spazierte.

Hochseilnummer und Teufelsrad

Die Hochseilnummer in Darmstadt steht dem an Aberwitz und Nervenkitzel in nichts nach. Als die zwei nach der Pause das Teufelsrad besteigen, erleben die Zuschauer minutenlang eine derart actiongeladene Show, für die allein sich das Kommen schon gelohnt hätte. Als Verfolgungszene hoch über dem Boden aufgemacht, hätte James Bond seine helle Freude an dieser Nummer. Auch 20 Jahre Mauerfall hat man auf dem Karolinenplatz nicht vergessen, woran Moderator Hubertus Wawra erinnert: Als „Ossi“ führt er mit reichlich Slapstick durchs Programm. Doch allein ein Gag-Feuerwerk reicht für einen Auftritt bei Da Capo nicht: Beim Spiel mit dem Feuer beweist er eine Vielzahl weiterer „lodernder“ Talente.

Was an „Crazy“ begeistert, ist nicht die nur die hervorragende Artistik, sondern vor allem die Detailliebe: Stets harmonieren Musik, Kostüme und Show in einer perfekten Synthese, so dass die Zuschauer über zwei Stunden mit allen Sinnen gefesselt werden. Was auf den Plakaten kurz mit „Crazy“ angekündigt wird, entpuppt sich als ein vielschichtiger Anglizismus, der die vielen möglichen Attribute der Show zusammenfasst: „Crazy“ bedeutet an dem Varieté-Abend auch skurril, farbenfroh, fantasievoll, märchenhaft, anmutig, sinnlich, kraftvoll, rasant, dramatisch, atemberaubend oder schlichtweg artistisch perfekt. James Jungeli verfehlt auch in der 17. Auflage den grundlegenden Anspruch von Da Capo nicht: Das Fest vor dem Fest.

Quelle: op-online.de

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