Viele unberechtigte Vorurteile

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Das Organisations-Team der Medientage in der Münsterer Kulturhalle hatte sich ein umfangreiches Programm einfallen lassen.

Münster - Ein schlimmer Anlass war es, der der Veranstaltung „Schöne Neue Medien“ am Freitag und Samstag in der Münsterer Kulturhalle besondere Aktualität verlieh: Die Diskussionen zum Amoklauf eines Schülers in Baden-Württemberg passten thematisch wie die Faust aufs Auge. Von Jens Dörr

Vier Institutionen hatten eingeladen und dabei speziell auf Eltern, Lehrer, Erzieher und andere Erziehungs-Fachleute abgezielt: Die Veranstaltung entstand in Zusammenarbeit der Kinder- und Jugendförderung des Landkreises Darmstadt-Dieburg, der Jugendförderung der Gemeinde Münster und dem Institut für Medienpädagogik und Kommunikation (MUK).

Bei der Podiumsdiskussion am Freitagabend ließ sich neben rund 30 weiteren Zuhörern auch Bürgermeister Walter Blank sehen. Thomas Graf von der Hessischen Landeszentrale für Suchtfragen hielt einen Vortrag, der die Grundlage zur anschließenden angeregten Diskussion über die Neuen Medien – im Fokus meist das Internet – lieferte. Mit Angela Lüken (Fachstelle Suchtprävention Landkreis Darmstadt-Dieburg), Uwe Walzel (Jugendkoordinator bei der Polizei), Cordula Karl (MUK), Markus Daum (Medien-Student), einem jugendlichen Computerspiele-Zocker sowie Graf selbst saß geballte Fachkompetenz auf dem Podium.

Entsprechend hielten sich die Teilnehmer nicht mit den oft leichtfertig dahingesagten Vorurteilen über die Neuen Medien und daraus resultierenden Problemen auf. Viel problematischer als etwa die Computerspiele und andere Inhalte seien die Probleme auf der Elternebene. Lars Richter, als Jugendbildungsreferent im Jugendbildungswerk ebenfalls in die Fachtagung involviert, fasst das wie folgt zusammen: „Eltern sollten bei ihren Kindern genauer nachfragen, was ihr Medienkonsum soll, wo der Reiz dabei liegt.“ Denn das Problem der Neuen Medien sei eindeutig ein Generationenproblem. Mehr als über die technische Seite müsse man über Inhalte reden, über die Besonderheiten von realer und virtueller Welt. „Auf die Frage, welche Welt die bessere ist, gibt es übrigens keine Antwort“,sagt Richter. „Nur zahlreiche Ansichten.“

Eine dieser oft zitierten Ansichten im Hinblick auf Amokläufe – in der Kulturhalle an beiden Tagen allerdings nur nebenbei ein Thema – ist, dass Ballerspiele und sogenannte „Ego-Shooter“ ein Grund dafür sein könnten. Richter widerspricht dem entschlossen: „Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Ballerspielen und Amokläufen.“Warum der immer wieder diskutiert werde? „Es wird schlicht eine einfache Lösung gesucht.“

Gar nicht einverstanden mit der allgemeinen Diskussion zu den Neuen Medien ist auch Karsten Krügler vom MUK, der am Samstagvormittag einen Fachvortrag zum Thema „Medien und Erziehung“ hielt. Der medienpädagogische Ansatz des energischen, sich auf unterhaltsame Art und Weise rasch in Rage redenden Experten, lautet wie folgt: Junge Menschen haben drei Grundinteressen. Diese seien die Gefahr, das Abenteuer und die Eskapade. Dies müsse ein Jugendlicher erleben, verbieten lasse er sich das nicht. In der sicheren, oft langweiligen realen Welt fehle oft die Möglichkeit, die Interessen auszuleben, deshalb schwenke die Jugend um auf die digitale Welt. „In Ermangelung einer anregungsreichen realen Welt bekommen optoelektronische Opiate Realitätscharakter“, meint Krügler.

Im Falle des Amokläufers von Winnenden spiele es aber auch eine Rolle, dass die Tat ihn unvergessen machen dürfte. Krügler: „In dieser Art von Selbstmord wird dem Tod des Mannes ein Sinn gegeben.“

Quelle: op-online.de

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