Afrikanische Weißbauchigel

Gar nicht kuscheliger Modetrend

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Putzig anzuschauen, aber sehr pflegeintensiv: Mogli ist schon seit eineinhalb Jahren im Kreistierheim.

Münster - Die mit Rotlicht beschienene Szenerie wirkt surreal: Aus einem kleinen, fahlen und sehr spitzen Gesicht strahlen glutrote Augen. Sie blitzen nur kurz auf. Von Thomas Meier

Schnappartig öffnet sich unter der kaum minder roten Nase ein Maul mit kleinen, aber rasiermesserscharfen Reißzähnen. Die von Ursula Schuster im Kreistierheim Münster gerade eben hereingesetzte afrikanische Wanderheuschrecke dürfte ihr Ende gar nicht mitbekommen haben, so schnell diente sie einem Exoten als Leckerli. Seit knapp eineinhalb Jahren leben Mogli und Mecki, zwei afrikanische Weißbauchigel, im Tierasyl in der Munastraße. Diese beiden Albino-Stachler in fachgerechte Hände zu übergeben, trachtet die Heimleitung seit längerem. Ein schwieriges Unterfangen.

Wie so oft schwappte ein Problem über den großen Teich nach Deutschland: Bereits vor rund 20 Jahren wurden, ohne an Konsequenzen zu denken, „sweete“ Weißbauchigel aus Madagaskar als Haustiere in die USA importiert und in großem Stil nachgezüchtet. Nicht genug damit, wurden sie dort auch auf kleinere Größen gebracht und man verpasste ihnen die unterschiedlichsten Farbnuancen. Albinos mit ihren roten Augen verkaufen sich bei den Amis (und auch hier) besonders gut.

Igel brauchen mehr als nur Zuwendung

Vor etwa zehn Jahren gaben die ersten bundesdeutschen Igelhalter ihre schnell als gar nicht mehr so süß erachteten Exotenstachler bei Igelstationen ab. Doch dort wie auch in den Tierheimen ist man mit solchen Problemtieren schnell überfordert, denn sie brauchen nicht nur Zuwendung, sondern vor allem Sachkenntnis und Verständnis.

Die beiden weißen Afrikaner kamen aus Dieburg nach Münster, wurden in der Gersprenzmetropole wegen nicht artgerechter Haltung einer Familie entzogen, die mit sich selbst wohl schon genug Probleme hatte, wie Ursula Schuster glaubt.

Besonders schlimm für die Hellstachligen: Nicht einmal genug Wärme spendeten ihr die wohl unwissenden Halter. Bei einer Temperatur von unter 18 Grad kann es für den Weißbauchigel kritisch werden, da sein Organismus nicht auf Winterschlaf ausgelegt ist. „Es muss eine Wärmelampe über einem Terrarium installiert sein“, weiß die Leiterin des Kreistierheims. Und sie kann noch viel mehr über artgerechte Haltung solcher Exoten berichten, päppelte sie doch Mecki und Mogli, die in sehr kritischem Zustand eingeliefert wurden, mühsam wieder auf.

Nix für Kinder

Die auf mini gezüchteten Igel sind keinesfalls etwas für Kinder. Sie sehen nur in den Augen von Romantikern schmusig aus, wollen indes statt kuscheliger Umarmung am Stachelkleid vielmehr ihre Ruhe. Tagsüber schlafen die scheuen Nachtaktiven. Und kommt ihnen etwas Größeres zu nahe, suchen sie Schutz oder beißen vor Angst auch mal feste zu.

In Dieburg nur in einem Käfig gehalten, sollte in der Munastraße extra eine provisorische Igelheimstatt aufgebaut werden. Freilich auch nur mit dem Nötigsten versehen. Weißbauchigel produzieren mehr Exkremente als beispielsweise ein Gecko. Urin kann in den Boden einziehen und sich zu streng riechenden Harnstoff entwickeln. Daher sollte der Boden abgedichtet und mit genügend frischem Streu versehen sein. Wenn sich der Weißbauchigel mal verschmutzt hat, dann braucht er auch eine Gelegenheit, wo er sich selbst reinigen kann. Das geschieht in einem Sandbad.

Künftige Halter des Pärchens, das korrekt gehalten übrigens zehn bis 15 Jahre alt werden kann, sollten auch wissen: Das Lungenvolumen bei Weißbauchigeln ist größer als beispielsweise das von Geckos. Daher muss genügend frische Luft in ein für sie artgerechtes Terrarium eingelassen werden, was mit Hilfe von großen Lüftungsschlitzen erreicht wird.

Ein Weißbauchigel legt in einer Nacht bis zu fünf Kilometern zurück. Damit sich diese Strecke nicht nur auf ein Laufrad beschränkt, sollte man dem Tier genügend Platz zum Laufen bieten, was man mit Zwischenböden im Igelterrarium bewerkstelligen kann.

„Es müssen schon Fans sein, die sich gewissenhaft für ein solches Tier entscheiden“, sagt Ursula Schulze beim Füttern. Nicht nur, dass sie im Kreistierheim Wanderheuschrecken, die im Zoofachhandel extra hierfür vorgehalten werden, verfüttert. Auch stehen bei Igels Mehlwürmer, gekochtes Ei, Obst, Katzenfutter („In ganz geringen Mengen“) oder Obstbrei aus dem Regal für Kindernahrung auf der Speisenkarte.

Die schrägsten Tiere der Welt

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„Solche Exoten zu halten, ist ein teures Hobby“, weiß die Leiterin des Kreistierheims. In Internet-Foren und auf Ebay werden diese Tiere zwischen 70 und 100 Euro gehandelt, wobei es bei speziellen Farbschlägen und Zeichnungen (odd eye, Chocolate, Salt & Pepper, Snowflake...) nach oben auch weit höher zugehen kann.

Auch im Kreistierheim werden die Tierchen nicht kostenfrei abgegeben, vor allem aber nicht an unverständige Zeitgenossen, die nur einem unsinnigen Modetrend hinterhereilen. Echte Interessenten wenden sich an das Kreistierheim Münster, Munastraße 2, Tel. 06071/ 3944390, E-Mail: an@kreistierheim-muenster.de. Öffnungszeiten sind Montag, Mittwoch, Freitag, Samstag und Sonntag von 10 bis 12 sowie von 14 bis 17 Uhr.

Quelle: op-online.de

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