Wenn Formen verloren gehen

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30 Werke von Demenz-Kranken sind derzeit im Rathaus-Foyer zu sehen, darunter auch Bilder von Münsterern. Bürgermeister Walter Blank und Martina Müller vom lokalen Verein „Spurensuche“ eröffneten die Ausstellung.

Münster ‐ Kunst erschließt sich oft nur dann, wenn sie dem Betrachter erklärt und interpretiert wird. Das war am Montagnachmittag im Foyer des Münsterer Rathaus nicht anders. Von Michael Just

Dort eröffnete die Ausstellung „Demenz – nicht nur ein Wort“ mit Gemälden von Menschen, die an Demenz erkrankt sind. Die Bilder entstanden in den letzten Monaten während eines Gemeinschaftsprojektes des Demenzservicezentrums in Groß-Zimmern und der IG Demenzbetreuung. Die IG Demenzbetreuung ist ein Zusammenschluss mehrerer Einrichtungen im Landkreis Darmstadt-Dieburg mit Angeboten für Betroffene und deren Angehörige. In insgesamt sieben Städten und Gemeinden - darunter auch in Münster - wurde an mehreren Terminen gemalt.

30 der insgesamt 200 Werke ziehen nun in einer Wanderausstellung noch bis kurz vor Weihnachten durch den Kreis. Im Vordergrund des Projekts stand das künstlerische Schaffen demenziell erkrankter Menschen mit dem Ziel, dieser Krankheit Ausdruck zu verleihen. Zwei Kunsttherapeutinnen aus Groß-Zimmern begleiteten die kreativen Prozesse.

Es wurden Meeresgeräusche gehört und Muscheln unter die Lupe genommen

In Münster traf man sich bei dem Verein „Spurensuche“. 2006 gegründet, bietet er mit seinen ehrenamtlichen Helfern zweimal die Woche ein Angebot, das die Familien von Demenz-Kranken entlasten soll. Wie Martina Müller von „Spurensuche“ sagt, will man durch das Malprojekt die Krankheit verstärkt an die Öffentlichkeit bringen. So sei Alzheimer zwar immer noch unheilbar, aber durch Medikamente, Beratung und Pflege könne man Betroffene und Angehörige weitreichend unterstützen. Am Malprojekt nahmen in Münster vier Menschen teil, 70 Jahre und älter, die zum Teil noch nie gemalt haben. Die Treffen fanden in vier wöchentlichen Einheiten statt. Die Kunsttherapeutin Margrid Wagner hatte dazu ein fundiertes Konzept vorbereitet: Während man sich in der ersten Stunde kennen lernte, führten in der zweiten Stunde Musik und Rhythmus den Pinsel. In der dritten Stunde wurden zum Thema „Wasser“ Meeresgeräusche gehört und Muscheln unter die Lupe genommen. Die letzte Einheit stand unter der Überschrift „An was ich mich erinnere“. Laut Wagner könne man in den vier Einheiten keinen Therapie-Prozess initiieren, aber zumindest doch Impulse geben.

Die Ausstellung gastiert noch bis zum 27. November in Münster. Sämtliche 200 Werke sind auf der Homepage zu sehen.

Wer die Ausstellung sieht, erhält einen interessanten Einblick, wie sich die Demenz in den entsprechenden Stadien manifestiert. Man findet oft wiederkehrende und stereotype Motive, in anderen Fällen auch große unbemalte Freiräume beziehungsweise viele kleine oder weit versprengte Inhalte ohne ordnende Struktur. „Das kann an der Konzentrationsfähigkeit liegen, aber auch daran, dass diese Menschen Schwierigkeiten haben sich zu orientieren“, weiß die Kunsttherapeutin. So gebe es Bilder, in denen jemand die Form eines Hauses noch begreifen kann, beim Nebenmann sei dieser Zusammenhang bereits verloren gegangen. Zum Krankheitsbild gehört, dass die Orientierung nach und nach verloren geht. Zuerst sei es das Zeitgefühl, im weiteren Verlauf die Verbindung zur eigenen Person und damit zum eigenen „Ich“. Das mangelnde Kurzzeitgedächtnis führt manchmal sogar dazu, dass einige Betroffene nach einer Woche ihre Werke nicht mehr erkennen. Bildinhalte sowie Begleiterscheinungen sind für Wagner aber sekundär: „Wichtig ist nur, dass die Menschen sich aufgehoben fühlen. Wenn ihnen das Malen einer einfarbigen Fläche gut tut, dann genügt das vollkommen.“

Quelle: op-online.de

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