Brandt und Mama als Vorbilder

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Nachwuchspolitikerin Meike Mittmeyer (22) kann nicht verstehen, dass vielen ihrer Altersgenossen Politik völlig schnuppe ist. Sie wünscht sich beispielsweise eine bessere Verkehrsanbindung.

Münster - Mit Tesa befestigt kleben neben ihrer Lieblings-Rockband Green Day ein schwarz-weißes Willy- Brandt-Foto und ein rot-blau-weiß-gemaltes Poster von US-Präsident Barack Obama über ihrem Bett. Von Kathrin Rosendorff

Meine Vorbilder sind Willy Brandt und meine Mutter“, sagt die Studentin Meike Mittmeyer und lacht. Willy Brandt, weil er das Sozi-Idol schlechthin sei und die Mutter, weil sie sie und ihren großen Bruder unter der Woche alleine groß erzogen hat. Meike Mittmeyers Vater arbeitet nämlich als Flugzeugtechniker am Köln-Bonner Flughafen und kann nur am Wochenende zu Hause sein.

Die 22-jährige Münsterin ist seit zwei Wochen eine der sieben Beisitzer des neuen Vorstands der Jusos Darmstadt-Dieburg. Nach mehreren Jahren Pause ist somit wieder ein Münsterer Juso im Vorstand vertreten.

Sie lebt noch zu Hause und ist die erste in ihrer Familie, die studiert und zwar Online-Journalismus in Dieburg. Sie kommt - und das macht sie wohl besonders - nicht aus „der typischen Politikerfamilie“. „In meiner Familie ist keiner in einer Partei. Wahrscheinlich ist meine Neigung zur SPD einfach angeboren“, sagt Meike Mittmeyer, streicht sich ihre langen braunen Haare nach hinten und grinst. Ihre Eltern sind aus Nordrhein-Westfalen, einem lang von der SPD regierten Bundesland, vor 23 Jahren hierher gekommen.

Das andere in ihrem Alter sich nicht für Politik interessieren, kann Meike Mittmeyer nicht nur nicht nachvollziehen. „Als ich zum ersten Mal wählen durfte, war ich total aufgeregt, endlich mitbestimmen zu können. Ich habe mich auch schon immer für Politik interessiert. Ich weiß, das klingt sehr idealistisch, aber jede Stimme zählt doch“, betont sie. „Und als ich meine Freunde fragte, was sie denn wählten und die mir antworteten, dass sie sich gar nicht für Politik interessierten und gar nicht wählten, da war ich ziemlich geschockt. Das war der Punkt, als ich als Juso in die Politik eingetreten bin“, sagt Meike Mittmeyer.

2006, kurz nach dem Abi, war das. Mittlerweile sei auch ihr Freund, ein Eppertshäuser, in die SPD eingetreten. „Ich habe ihn nicht gezwungen“, beteuert sie und zwinkert mit den braunen Augen. Ein halbes Jahr lang war sie in Chicago Praktikantin in der Presseabteilung des Goethe-Instituts. „In Chicago habe ich Obama live gesehen und war von den vielen jungen Leuten, die mit so viel Eifer politisch aktiv waren, super beeindruckt. Ich wünschte, das wäre in Münster auch so.“ Aber hier sei sie mit ihren politischen Ambitionen die Ausnahme. „Viele meiner Freunde waren total überrascht, dass ich mich politisch engagiere. Sie können sich nicht vorstellen, dass die Politik sich nicht nur in Berlin abspielt, sondern auch hier vor Ort“, betont Mittmeyer. Sie mag zwar die Großstadt mag, aber sieht sich doch eher als Landei. Und so genießt sie es mit dem Rad an der Gersprenz entlang zu fahren. „Eines der Dinge, die ich gerne ändern würde, ist die schlechte Verkehrsanbindung für die Jugendlichen nach Darmstadt und Frankfurt und auch die Freizeitangebote für Teenies sind nicht so dolle hier“, sagt sie und hängt dran, dass sie weiß, dass dies in Zeiten der Wirtschaftskrise nicht einfach umzusetzen sei. „Und ich engagiere mich für das bundesweite Projekt „arbeiterkind.de.“

Es richtet sich an junge Leute aus Arbeiterfamilien, die glauben, sich das Studium nicht leisten zu können. „Ich gebe da als Mentorin Hilfestellung zu ihren Möglichkeiten“, erläutert Mittmeyer. Sie selbst fühle sich privilegiert, habe ein eigenes Auto. Gerade deshalb wolle sie anderen, denen es nicht so gut gehe, helfen. Ob sie Germany‘s Next Bundeskanzlerin werden will, weiß sie noch nicht. „Wenn ich nächstes Jahr mit meinem Studium fertig bin, will ich als Journalistin arbeiten“, erzählt Mittmeyer. „Denn falls ich mich in zehn Jahren doch für eine Vollzeitpolitikerinnen-Karriere entscheide, möchte ich das Volk und seine Welt kennen, bevor ich sie regiere.“

Quelle: op-online.de

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