Nicht enden wollender Winter

Kälte bringt Blütenfrust und Legenot

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Blühende Pracht und dennoch kein Umsatz: Blumenverkäuferin Ruth Blitz. - Foto:

Münster/Eppertshausen - Eisige Temperaturen, ein dauerhaft grauer Himmel, der Depressionskrankheiten fördert und Hundefreunde, die über die rissigen Pfoten ihrer Lieblinge klagen: Viele Menschen wünschen sich sehnlichst das Ende der Kältekammer herbei. Von Michael Just

Unser Mitarbeiter Michael Just hat sich einmal umgehört, was der aktuelle Winter, der sich standhaft weigert abzutreten, für Folgen in verschiedenen Lebensbereichen hat. „Die Gärtnereien und Blumengeschäfte sind dieses Jahr ganz arm dran“, sagt Ruth Blitz von „Ruths‘s Blumenparadies“ in Münster. Man hätte bereits gute Geschäfte verzeichnet, wäre der Winter nicht so hartnäckig. Stattdessen stünden die größten Einbußen seit Jahren an.

Blitz belegt dies mit einem Blick auf den benachbarten Friedhof: „Da sind immer noch die Weihnachtsgestecke auf den Gräbern.“ Auch in den Vorgärten und Einfahrten ließen sich, wie sie sagt, so gut wie keine Blumen und Pflanzen ausmachen. Wenn überhaupt gekauft werde, dann sei es Grünes für drinnen. Wer auf den Hof des Blumenparadieses schaut, dem geht das Herz auf: Dank den Gewächshäusern steht die Auslage in voller Blüte. Die Farbenpracht nützt aber wenig: Solange es nachts immer noch frostig bleibt, sind keine Geschäfte zu erwarten. Denn für den Beginn der alljährlichen Pflanzsaison existiert kein Stichtag, der Startschuss ist zu 100 Prozent wetterabhängig.

Bis jetzt haben die Blumenlieferanten vergeblich auf den Frühling gewartet. „Wir hoffen, dass es bald wärmer wird und die Leute dann ihre Gräber machen“, sagt Blitz und ergänzt: Der Winter könne ruhig eisige Tage mit sich bringen – aber bitteschön in den klassischen Kältemonaten und nicht außerhalb.

Nachfrage bei Antidepressiva und Vitamin D

In den Apotheken gaben sich in den letzten Wochen die Kunden die Klinke in die Hand, wie etwa in der Valentin-Apotheke in Eppertshausen. „Wir hatten deutlich mehr zu tun als sonst“, sagt Apothekerin Annekathrein Greve. Auch wenn keine breite Grippewelle auftrat, wurden viele grippale Infekte verzeichnet. Wie ihre Kollegin sagt, habe sie verstärkt Vitamin D und Anti-Depressiva über die Theke gereicht. Ein Verkaufsanstieg wurde nicht zuletzt bei jenen Pharmaka verzeichnet, die die Körperabwehr stärken. Greve verbindet das damit, dass die Krankenkassen für die Behandlung von Erkältungskrankheiten bei Personen über zwölf Jahren keine Kosten mehr übernehmen. Da kämen nicht wenige Menschen, um sich vorbeugend zu schützen und präventiv etwas einzunehmen.

„Durch die kalten Tage sind wir bei der Waldpflege in Rückstand“, sagt Thomas Schmalenberg von der Dieburger Forstamtsleitung. Er verweist auf das Rücken des Holzes, das bei aufgeweichten Böden nicht möglich ist. Insgesamt habe die lange Kälteperiode dem Wald aber nichts ausgemacht. „Der Wald ist ein stabiles Öko-System, das damit gut zurecht kommt“, sagt er. Nur zeitlich verschiebe sich alles nach hinten. Viel schlimmer sei es, wenn nach einer ersten Wärmeperiode wieder ein Kälteeinbruch kommt, der die bereits treibenden Pflanzen überrascht. Auch das Wild habe, wie Schmalenberg heraushebt, die kalten Tage gut überstanden. Zufüttern sei nicht notwendig gewesen. „Zwar war es kalt, die großen Schneemassen blieben aber aus“, sagt der Experte. So finde das Wild stets noch genügend Nahrung. Nur ab Schneehöhen von 30 bis 40 Zentimeter oder überfrierenden Eisschichten könne man über Futterhilfen nachdenken.

Statt zu füttern sei es wichtiger, dem Wild die nötige Winterruhe zu gewähren. Die nächsten Wochen steht in den umliegenden Wäldern das Einsetzen von rund 50 000 Jungpflanzen bevor. Klimatisch wartet dabei schon das nächste Problem: Denn die feuchten Böden der Wintermonate, die dafür dienlich wären, sind mittlerweile ausgetrocknet: „Das Wasser im Oberboden hat der starke Ostwind der letzten Tage mitgenommen“, sagt der 45-jährige Förster.

Winterbilder aus der Region

Winter-Schnappschüsse

Für viele Tiere bleibt die Kälteperiode dennoch nicht ganz folgenlos, wie derzeit im Naturschutzgebiet der Hergershäuser Wiesen zu beobachten ist: „Momentan haben wir einen Zugstau von Kiebitzen und Schnepfenarten, die nach Norddeutschland und Skandinavien wollen“, sagt Hans Ulrich, Vogelschutzbeauftragter des Nabu Münster. Der Renter, der jeden Morgen im Naturschutzgebiet unterwegs ist und seit Jahrzehnten alle gefiederten Bewohner und Gäste akribisch in Listen vermerkt, erklärt, dass es im Norden noch viel zu kalt zum Weiterziehen ist. Viele Vögel würden nun auf halber Strecke auf „Wetterbesserung“, besser: den Frühling warten.

Das lässt sich derzeit gut in den Wiesen beobachten, wo hunderte von Kiebitzen regelmäßig in großen Schwärmen aufsteigen. Des weiteren sind Kampfläufer, Sandregenpfeifer, nordische Enten aber auch Kraniche, die vermutlich nach Mecklenburg wollen, dabei. Seit drei Wochen beobachtet Ulrich bereits den Zugstau. Zum Teil waren die Tiere schon weitergezogen, kamen aber wegen der Kaltfront wieder zurück. Bedauernswert wird es laut dem Münsterer, wenn noch die Legenot hinzukommt. So hat er schon diverse Eier von Gänsen ausgemacht, die mit der Brut nicht mehr warten konnten. Die Eier werden dann einfach abgelegt und nicht ausgebrütet. Am Ende sind sie ein gefundenes Fressen für Raben und Füchse.

Winter-Schnappschüsse Teil 2

Winter-Schnappschüsse Teil 2

Quelle: op-online.de

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