Zeitzeugen über die Vor- und Nachkriegsjahre

Muna, Münster und Amis

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Ein Gespräch mit Zeitzeugen: HGV-Vorsitzender Kai Herd (links) moderierte die Runde mit Elisabeth Grezo, Theresia Neis, Ilona Bishop und Gerhard Speier.

Münster - Als vor 50 Jahren die Amerikaner in Deutschland einmarschierten, erlebten die Bewohner eine Zeit, die die meisten nie vergessen werden. Auch in Münster: „In der Nachbarschaft mussten viele ihre Häuser verlassen, um Wohnraum für die Alliierten zu schaffen. Von Michael Just 

Die Offiziere suchten sich dabei die besseren Häuser aus, wo Toiletten und Bad nicht außerhalb sondern schon im Haus waren“, berichtet Elisabeth Grezo. Dennoch wären viele Münsterer mit den Soldaten gut ausgekommen und hätten, genauso wie ihre Mutter, deren Kleidung gewaschen. Als Dankeschön gab’s Konserven, Kernseife und Weißbrot. „Wir hatten gute Kontakte, konnten wie die meisten aber kein englisch und haben deshalb überhaupt nichts verstanden“, erzählt Grezo über Begegnungen, die 70 Jahre zurückliegen.

Zusammen mit Theresia Neis, Ilona Bishop und Gerhard Speier war die 85-Jährige nun Mitglied eines sogenannten Zeitzeugen-Live-Talk im Museum an der Gersprenz. Zu dem hatte die Gemeindebücherei sowie der Heimat- und Geschichtsverein (HGV) in seiner Reihe „Literatur und Geschichte“ eingeladen. Diesmal hieß das Thema „Münster, Muna und die USA“. Die Resonanz konnte sich sehen lassen: Im zweiten Stock des Museums wurde es eng. Ganz verwunderlich war das Geschichtsinteresse der Münsterer Bürger nicht: Durch die Nazis bestimmte die „Munitionsanstalt“ vor dem Zweiten Weltkrieg und durch die Amerikaner danach das Ortsbild von Münster. Die „Muna“ zog viele Geheimnisse und Fragen, etwa über Atomwaffen, auf sich.

Line-Dance-Gruppe lockert Abend auf

Der Abend in der Langsmühle begann mit einer Biografie über John-F. Kennedy, der als bedeutender US-Präsident die Nachkriegsjahre bestimmte und auch der Münsterer Grundschule ihren Namen gab. Die Ausarbeitungen von Gemeindearchivarin Kirsten Sames trug Christina Ellermann vor. Sein Todestag, und damit seine Ermordung, jährte sich in diesen Tagen zum 50. Mal.

Büchereileiterin Jasmin Frank hatte nicht nur einen Büchertisch vorbereitet, sie las auch zwei interessante Buchabschnitte vor, die humorvoll zeigen, wie die Amis die Deutschen sehen. Aufgelockert wurde die Veranstaltung durch zwei Vorführungen der Altheimer Line-Dance-Gruppe „Lucky Riders“. Der Höhepunkt der Veranstaltung war aber die Gersprächsrunde mit den Münsterer Zeitzeugen. Leider hatten die Organisatoren die Einrichtung von Mikrofonen vergessen, so dass im vollbesetzten Raum zum großen Bedauern nicht jeder alles verstehen konnte.

HGV-Vorsitzender Kai Herd trat als Moderator mit dem Ziel auf, möglichst viel über die damalige Zeit zu erfahren. Elisabeth Grezo hat heute immer noch das Bild vor Augen, wie die GIs, die US-Infanteristen, mit ihren grünen Leinensäcken kamen. Sie erzählte auch, wie einmal ein Soldat sein Gewehr putzte, sich dabei ein Schuss löste und einen Kameraden tötete. Sowohl Elisabeth Grezo als auch Theresia Neis lernten ihre Männer durch die Wirren des Krieges kennen. Grezo verliebte sich in einen polnischen Zwangsarbeiter, Neis in einen Saarländer, der als deutscher Soldat im Gefangenenlager in Babenhausen saß. Ilona Bishop kam als Kind einer deutsch-amerikanischen Beziehung auf die Welt. Wie sie erzählt, seien nicht wenige Ehen mit den „Besatzern“ entstanden.

Lieber keine Vorhersagen

Gerhard Speier arbeitete 38 Jahre seines Leben in der Munitionsräumung. Er stammt eigentlich aus dem Taubertal und kam nach dem Krieg nach Münster, um als Angehöriger eines Sprengkommandos bei der Beseitigung des explosiven Materials zu helfen. Er schilderte, wie die Amerikaner dieses in große, ausgehobene Gruben versenkten, um es möglichst schnell los zu werden. Da es hierbei oft zu Explosionen kam, bei denen einmal ein Gefangener getötet wurde, hätten sich die Amis dann entschieden, es im mit Wasser gefüllten Steinbruch bei der Thomashütte zu verklappen. Speier half bei der Räumung in der gesamten Region, darunter in den 1950er Jahren neben den Autobahnen. Die große Menge an Bomben und eingesetzten Waffen im Krieg sorgte dafür, dass er bis zu seiner Pensionierung Mitte der 90er Jahre bei einem Kampfmittelräumdienst genug Arbeit hatte.

Laut Kai Herd sind auf dem Muna-Gelände immer noch viele Hektar nicht geräumt und ließen sich nur illegal betreten. Seine Frage an den Räumexperten, wann hier endlich Entwarnung gegeben werden kann, konnte auch der nicht beantworten: „Der Tag, an dem hier alles weg ist, ist ganz schwer vorherzusagen.“

Quelle: op-online.de

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