Beringung der Jungstörche

Fit genug für Teflonringe

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Mit der Teleskopzange den schreckstarren Jungstorch zum Beringen herbeigeholt: Klaus Hillerich in luftiger Höhe. - Fotos: Th. Meier

Münster - Auf dass ihre Wege in der Zukunft für Ornithologen und Naturschützer nachvollziehbar sein mögen: Gestern Morgen stieg Klaus Hillerich mit seinen 70 Lenzen in einen Hubwagen bei der Kläranlage, um im Korb hinauf zum Storchenmast zu fahren und die beiden Jungstörche für den Naturschutzbund Deutschland zu beringen. Von Thomas Meier

In zwei Wochen schon könnte dies Unterfangen nur unter erschwerten Bedingungen gelingen, denn dann werden die bereits flügge gewordenen Adebare schon das Nest verlassen und selbst auf der Nahrungssuche über die Hergershäuser Wiesen segeln.

Erkennungsmerkmale für die Münsterer Flug-Weltenbummler: Die Ringe mit codierten Daten für Naturschützer und Ornithologen.

250 der aus Teflon gefertigten Erkennungszeichen werden in Hessen pro Jahr Adebars Nachwuchs ans Bein geheftet, bei weitem nicht allen Jungtieren. Im vergangenen Jahr entfleuchten aus 266 Nestern hessischer Brutpaare allein 652 Jungstörche gen Süden. Das schlechte Wetter mit viel Regen und Nässe dezimiert in diesem Jahr allerdings den Nachwuchs. Erwartet werden dem Naturschutzbund zufolge in Hessen um die 300 Jungvögel, die es in diesem Jahr aus dem Nest in die große weite Welt schaffen.´

Rudn 150.000 Vögel beringt

Seinen Job als ehrenamtlicher Beringer der Vogelwarte Helgoland versieht der Groß-Umstädter Hillerich seit über fünf Jahrzehnten. Im vergangenen Jahr erklomm der ehemalige Ausbilder für Biologielaboranten bei Merck die zwölf Meter zum Nest noch über eine angelehnte Leiter. Von der Rauchschwalbe bis zum Uhu beringte der Naturschützer aus Überzeugung in seinem Leben rund 150.000 Vögel, 1959 gemeinsam mit seinem Mentor Karl Rothmann, damals Leiter der Landwirtschaftsschule in Groß-Umstadt, den ersten.

Gestern am Münsterer Nest angelangt, beobachteten die zuvor aufgeregt von dannen geflatterten Altvögel das Geschehen vom nahen Acker aus, derweil die zwei Jungvögel im Nest in Schreckstarre gefallen waren. Akinese oder Katalepsie nennt sich die bedingte Bewegungslosigkeit, ein natürlicher Schutzinstinkt für die Brut. In diesem Jahr benötigte Hillerich nur zwei der modernen Teflon-Ringe, vergangenes Jahr waren es vier. Und auch in diesem Frühjahr sah es nach einem Quartett-Nachwuchs aus. Am 24. April schlüpfte das erste von vier Storchenküken im Nest auf dem ehemaligen Strommast, das die HSE von einer Webcam gegenüber aus beobachten lässt. Doch der widrigen Wetterbedingungen wegen starben zwei Jungvögel.

Nicht etwa aus Futtermangel, unterstreicht der Vogelexperte, sondern der Nässe und Kälte in diesem Frühjahr wegen. Er weiß auch: Wären die Jungstörche zum Einsetzen des großen Regens noch kleiner gewesen, sie könnten überlebt haben, wie etwa der späte Nachwuchs im nahe gelegenen Habitzheim. Dort zieht in diesem Jahr erstmals ein Storchenpaar auf dem Schornstein im Hofgut seine Brut auf.

Als der Regen kam, waren die Jungstörche in Münster schon zu alt, um noch vom Elternpaar gehudert zu werden. Als Hudern bezeichnet man das Schützen von Nestlingen vor Witterungseinflüssen, also Kälte, Regen oder Hitze durch die Brutvögel. Die nehmen bis zu einer gewissen Größe ihre Jungen unter ihre Fittiche, wärmen und beschützen sie so.

Hillerich sagt, man sehe den Münsterer Jungstörchen an, dass sie unter widrigen Witterungsbedingungen groß geworden seien. Sie hätten noch nicht die Kraft, die ihrem Alter entsprechen würde. Dennoch ist er sicher: Sie sind übern Berg.

Ihre ersten Flugversuche werden bald schon im Internet live verfolgt werden können unter www.hse.ag/storchencam. Bereits mehr als 100.000 Mal haben Storchenfans die Seite seit Februar angeklickt. Neben der Webcam gibt es dort auch das Storchentagebuch der HSE, in dem Wissenswertes und Unterhaltsames rund ums Familienleben der Adebars zu lesen gibt.

Betreut wird das Münsterer Storchenprojekt vom Freizeitvogelkundler Wolfgang Kleinheinz. Der Nabu-Mann arbeitet bei der Gemeinde auf der Kläranlage und hat so immer ein Auge aufs flatterhafte Geschehen.

Quelle: op-online.de

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