„Rineke Dijkstra. The Krazy House“

Porträts der Gesellschaft im MKK

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Die Fotokünstlerin Rineke Dijkstra

Frankfurt - Vom New Yorker Guggenheim über das San Francisco MoMA an den Main: Das Museum für Moderne Kunst eröffnet heute eine Ausstellung mit Werken der Video- und Fotokünstlerin Rineke Dijkstra, die zu den gefragtesten Vertreterinnen ihrer Disziplin zählt. Von Carsten Müller

Die Porträtserie „Almerisa“ (1994-2008) und Reiner Ruthenbecks Installation „Umgekippte Möbel“ (1971/93).

Die Niederländerin (Jahrgang 1959) beschäftigt sich intensiv mit den Themen Kindheit und Jugend und dem Prozess des Heranwachsens. Dijkstra, so MMK-Chefin Susanne Gaensheimer, liefere mit ihrer Nähe und Empathie erzeugenden Kunst stets auch Gesellschaftsporträts. Ob sie Jugendliche in einer Techno-Diskothek von der Tanzfläche vor die in einem Nebenraum postierte Kamera holt, eine Schulklasse bei der Betrachtung eines Picasso-Werks im Tate Liverpool Museum filmt oder das Heranwachsen eines bosnischen Flüchtlingskindes in Leiden von 1994 bis 2009 fotografisch dokumentiert.

In der als „erste umfassende Retrospektive in Deutschland“ beworbenen Ausstellung „The Krazy House“ – so heißt ein Liverpooler Musikklub – setzt Dijkstra ihre eigenen Werke in Beziehung zur Kunst aus der MMK-Sammlung. Die Zusammenstellung knüpft nicht nur spannende Bezüge zwischen den kulturanthropologisch anmutenden Arbeiten der Künstlerin und dem Frankfurter Bestand an hochkarätiger zeitgenössischer Kunst: Die wenigen ausgewählten Werke Dijkstras rücken durch die konzentrierte Präsentation stärker in den Blick. Zu sehen sind sämtliche Videoarbeiten, sechs an der Zahl, sowie ausgewählte fotografische Werkgruppen, allesamt Porträts, aus zwei Jahrzehnten.

Weltpremiere für zwei Videoarbeiten

Die Aufnahmen tanzender Jugendlicher entstanden im namensgebenden Liverpooler Klub „The Krazy House“.

Schon im zentralen Raum laufen Erzählstränge zusammen. Da trifft die hyperreale Aufnahme einer blondierten Liverpooler Nachtschwärmerin („Amy, The Krazy House, 2008“) auf Tobias Rehbergers Liebesbrief-Installation „Most Beautiful“ (1999) und Picassos „Weinende Frau“ (1937), die als Leihgabe der Tate Modern eigens für diese Ausstellung nach Frankfurt geholt wurde.

Das kubistische Gemälde der Künstlerin Dora Maar liefert zugleich die Folie für zwei jüngere Videoarbeiten, die laut MMK weltweit erstmals gezeigt werden. „I See A Woman Crying (Weeping Woman)“ dokumentiert die Begegnung einer Liverpooler Schulklasse mit dem Picasso-Werk. Drei Kameras fangen aus nächster Nähe Gesichter und Aussagen der Kinder ein, die von der Bildbeschreibung zur Interpretation wechseln – geprägt von individuellen Erlebnissen.

„Ruth Drawing Picasso“

Im selben Raum ist „Ruth Drawing Picasso“ zu sehen, die Beobachtung eines auf dem Boden sitzenden Mädchens in Schuluniform, das im Tate-Museum die „Weinende Frau“ abmalt. Das Kind ist tief versunken in seine Aufgabe, wird darin nur kurz unterbrochen, als seine Nachbarin um einen Stift bittet.

Es sind solche Momente der Irritation, die Dijkstra nach eigenem Bekunden faszinieren. Auch die Tänzerinnen im Video „Power House“, die komplexe Choreografien vorführen, geraten immer wieder aus dem Rhythmus, kommentieren den Konzentrationsverlust mit einem entwaffnenden Lächeln.

„Rineke Dijkstra. The Krazy House“ bis 26. Mai im MMK Frankfurt, Domstraße 10. Geöffnet: Dienstag sowie Donnerstag bis Sonntag 10-18 Uhr, Mittwoch 10-20 Uhr. Im April zeigt das kooperierende Deutsche Filmmuseum eine Filmreihe.

Gut zehn Jahre Video-Schaffenspause liegen zwischen „The Buzz Club/Mystery World“, einer Doppelprojektion, die Klubgänger 1996/97 in Großbritannien und den Niederlanden zeigt, und „The Krazy House“, das Liverpooler Tänzer 2009 porträtiert. Sie dokumentieren jugendliche Haltungen, die von gelangweilter Amüsiertheit, in der man sich zur Musik bewegt, raucht, trinkt, küsst, bis zur leistungssportlich anmutenden Tanzeinlage reichen und liefern zudem eine intime Bestandsaufnahme der Entwicklung einer Subkultur. Wer sich in die aufschlussreiche Welt der Rineke Dijkstra im MMK einfühlen möchte, sollte allerdings Zeit mitbringen.

Quelle: op-online.de

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