Ein Schritt nach dem anderen

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Ingrid Pradler ist Mittlerin zwischen Bauherren, Museum und Architekten. Sie kennt die Räume der neuen MMK-Dependance in- und auswendig.

Frankfurt - Katharina Fritschs Tischgesellschaft wird als erstes geliefert. Ein Tieflader, zwölf Tonnen schwer, drei Touren, 20 Kisten. Von Anja Prechel 

Sind die angekommen im MMK 2, der neuen Dependance des MMK Museum für Moderne Kunst im TaunusTurm, stehen vier Leute parat, um die raumgreifende Skulptur, bestehend aus einem überlangen Tisch und 32 lebensgroßen Männerfiguren, auszupacken und zu positionieren. Der Aufbau braucht Platz. Viel Platz. „Einen Großteil der Fläche der neuen Museumsräume“, weiß Ingrid Pradler. Die Innenarchitektin koordiniert seit Januar koordiniert sie den Einzug des Museums in die neue Außenstelle generalstabsmäßig. Hat jemand eine Frage zum Turm, wie das Gebäude im MMK genannt wird, kommt er zu ihr.

Die Erweiterung ist ein Mammutprojekt. Das überhaupt erst möglich wurde durch eine Kooperation von MMK, Kulturdezernat und dem Planungsdezernat, den Projektentwicklern Tishman Speyer und der Commerz Real AG sowie den vier Gründungspartnern der MMK Stiftung Stefan Quandt, der Ernst Max von Grunelius-Stiftung, der DekaBank Deutsche Girozentrale und der Helaba Landesbank Hessen-Thüringen. Die vier Gründungspartner übernehmen zehn Jahre lang die Kosten für den Betrieb der Dependance. „In der deutschen Museumslandschaft ist eine solche Public Private Partnership einzigartig“, sagt Susanne Gaensheimer, Direktorin des MMK.

Bisher konnten im Haupthaus in der Domstraße nur fünf bis zehn Prozent der Sammlung gezeigt werden. Schon als das Museum 1991 eröffnete, umfasste die Sammlung mehr Werke, als der von Hans Hollein entworfene Museumsbau an Fläche bot. 2011, als das Museum sein 20. Jubiläum feierte, konnte es erstmals einen Großteil seiner Sammlung zeigen - indem es temporär 5 000 Quadratmeter im ehemaligen Degussa-Gebäude auf dem heutigen MainTor-Areal bezog. Mit der Jubiläumsschau wurde deutlich: Das MMK braucht mehr Platz, viel mehr Platz. Klar war aber gleichzeitig, dass in Zeiten knapper Kassen kein Geld aus dem städtischen Säckel zu erwarten war.

Die Entscheidung für den TaunusTurm fiel aus zwei Gründen. Tishman Speyer und die Commerz Real AG machten das beste Angebot - 2 000 Quadratmeter Fläche, die 15 Jahre lang miet- und nebenkostenfrei genutzt werden können -, und das MMK konnte zudem noch Einfluss nehmen auf die Gestaltung der Räumlichkeiten. Dass ein Museum eine Büroetage bezieht, ist nicht nur ungewöhnlich, es ist auch eine Herausforderung. „Wir haben um jeden Zentimeter gekämpft“, sagt Ingrid Pradler. Die Deckenhöhe war ein neuralgischer Punkt, die Klimatisierung ebenfalls. Büros sind niedriger als Ausstellungsräume, Kunstwerke stellen besondere Anforderungen an die Luftfeuchte, die eine gewöhnliche Klimaanlage nicht erfüllt.

Die dadurch notwendig gewordene Neuplanung der Gebäudetechnik übernahmen Kuehn Malvezzi Architekten, die Spezialisten sind im Umbau von Nicht-Kunsträumen in Kunsträume. Ingrid Pradler steht in ständigem Kontakt mit dem Berliner Büro. „Ich bin Vermittlerin zwischen Museum, Architekten und dem Bauherren.“ Und sie ist Ansprechpartnerin für alle Kollegen des MMK. Da möchte die Museumspädagogin wissen, wie groß die Tische und Schränke sind, die ihr später zur Verfügung stehen. Der Alarmanlagenhersteller ruft an, weil er die RAL-Farbe für fünf zusätzliche Verteilerdosen wissen möchte. Ingrid Pradler sucht Hebebühnen aus, holt Angebote ein, führt Vorstellungsgespräche mit dem Sicherheitspersonal, muss stets das Budget im Blick behalten und sich überlegen, wie das Hängeteam einen Siebdruck nach Vorgaben der Künstlerin Rosemarie Trockel an die Wand bringt, obwohl es im ganzen Haus keine Stelle gibt, an der man die Siebe waschen kann.

MMK-Direktorin Susanne Gansheimer und Immobilienhändler Jerry I. Speyer schmieden Zukunftspläne.

Von Aufgaben wie diesen lässt sie sich nicht aus der Ruhe bringen. Zum 20. Jubiläum des MMK hat sie den Umbau und Einzug ins Degussa-Gebäude betreut - ein noch größerer, komplexerer Auftrag. Schritt für Schritt planen ist ihr Trick - „Habe ich von einer Kollegin gelernt“, sagt sie. Schritt für Schritt geht es auf die heiße Phase der Erweiterung zu. Sie beginnt, wenn die Umzugswagen im September vor dem TaunusTurm stehen. Knapp zwei Jahre werden dann vergangen sein seit dem ersten Ideenaustausch. Ab 19. Oktober steht das Museum für Moderne Kunst seinen Besuchern dreifach offen: als MMK 1 in der Domstraße, in dem dauerhaft herausragende Werke der Sammlung zu sehen sind; als MMK 2 im TaunusTurm, in dem zweimal jährlich wechselnde Ausstellungen thematische Schwerpunkte setzen; außerdem als MMK 3, dem jetzigen MMK Zollamt, das Nachwuchskünstlern Raum gibt.

(pia)

Quelle: op-online.de

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