Rundumschlag zur Moderne

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Ernst Wilhelm Nay, „Menschen in den Lofoten“, 1938.

Wiesbaden - Im Museum Wiesbaden geht das Rhein-Main-Projekt „Phänomen Expressionismus“ mit einem Rundumschlag zu 100 Jahren deutscher Moderne zu Ende. Von Reinhold Gries

Der neue Museumsdirektor Alexander Klar hat dazu den Bogen von Spätimpressionisten über Expressionisten und neue Realisten bis zu Abstrakten und Konstruktiven gespannt und Bezüge zu Informel sowie Minimal hergestellt. Exponate aus der Jawlensky-Sammlung sind in die Parallelausstellung gewandert, freie Räume dafür mit einer Sonderausstellung zum expressionistischen Bildhauer Wilhelm Lehmbruck (1881-1919) bespielt. Nachdenklichkeit der Plastiken, Grafiken und Malereien setzt sich in Bronze fort, im Relief „In Gedanken (Mutter und Kind)“, der „Kleinen Sinnenden“, den „Liebenden Köpfen“ und dem „Weiblichen Torso“.

Auch Pioniere moderner Malerei sind in Neuankäufen und selten zu sehenden Leihgaben aus Privatbesitz präsent. Nach flimmernden Spätwerken Lovis Corinths und Max Slevogts treffen Besucher Max Beckmanns dunklen „Ochsenstall“, Erich Heckels exotische „Maske auf Buschbockfell“ und Otto Muellers paradiesisches „Liebespaar“. Bilderleidenschaft pur bieten Protagonisten zu Brücke und Blauer Reiter.

Befreiung der Farbe und ausdrucksvolle Formensprache

Für Befreiung der Farbe und ausdrucksvolle Formensprache stehen Ölgemälde wie Karl Schmidt-Rottluffs „Nächtlicher Mittelmeerhafen“, „Verandamorgen“ und „Tannen im Schnee“, Ernst Ludwig Kirchners „Seehorn“ und „Nacktes Mädchen“ oder Ernst Wilhelm Nays abstrakt-expressive „Menschen in den Lofoten“ und „Pilgrim“. Spielarten von Neuem und Magischem Realismus demonstrieren Carl Hofers „Stillleben mit Ölkanne“ und Conrad Felixmüllers „Familienbildnis Kirchhoff“.

Wilhelm Lehmbruck, „Liebende Köpfe“, 1918.

Den Malerinnen des Expressionismus ist ein eigener Saal gewidmet, der ihre Gleichwertigkeit belegt: Paula Modersohn-Beckers Werke müssen sich ebenso wenig verstecken wie farbstarke Landschaftsbilder Gabriele Münters und Marianne von Werefkins. Wie Neuentdeckungen wirken Ida Kerkovius‘ „Stuttgarter Landschaft“ und „Figuren am Wasser“. Erstmals seit 50 Jahren ist Milly Stegers Gipsskulptur „Mädchenkopf“ zu sehen.

Zwischen László Moholy-Nagys konstruktivem Gemälde „Architektur III“ und Erich Buchholz’ „Suprematismus“ strahlen Max Ernsts surreale Strichfiguren auf tiefblauem Grund wie eine Lichterscheinung. Starkfarbig auch Kompositionen und Reliefs Friedrich Vordemberge-Gildewarts von der Gruppe De Stijl. Danach ist zu sehen, wie sich deutsche Künstler aus NS-Verfemung herausgearbeitet haben. Vom Informel des Karl-Otto Götz („Krakmo“) und Bernard Schulzes fragiler Skulptur aus Draht, Textil, Kunststoff und Farbe führen Wege ins Heute bis zu Georg Baselitz, Rebecca Horn und Eva Hesse.

„Expressionismus bis Informel“ mit Lehmbruck-Sonderausstellung im Museum Wiesbaden. Geöffnet: Dienstag 10 bis 20, Mittwoch bis Sonntag 10 bis 17 Uhr.

Quelle: op-online.de

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