Bau nach Menschenmaß

Peter Stamm als Stammgast beim Rheingau Literatur Festival zu begrüßen, das schien Gastgeber Heiner Boehncke ein fast zu billiger Wortwitz. Er brachte ihn trotzdem, und es stimmte ja: Nach den Jahren 2000 (als Preisträger) und 2007 kam der Schweizer bereits zum dritten Mal. Von Markus Terharn

Moderator Martin Maria Schwarz lud den Autor spontan ein, fortan jeden neuen Roman bei der „WeinLese“ vorzustellen. Das Publikum, der Beifall zeigte es, würde sich freuen!

Im Gespräch erwies Stamm sich als geduldiger Zuhörer, der die amüsanten Ausführungen des glänzend vorbereiteten Journalisten gern mit „Ja, ja, schon“ konterte, um dann das genaue Gegenteil zu behaupten. Über sein aktuelles Werk sagte er, er habe bis zum Schluss nicht ganz begriffen, was da wirklich laufe. Das nahm ihm niemand ab, aber es sorgte, da humorvoll vorgetragen, für beste Stimmung in „Breuers Kellerwelt“ zu Rüdesheim.

„Sieben Jahre“ ist der Titel des bei S. Fischer in Frankfurt erschienenen Buches. Diese Zeit vergeht jeweils zwischen den drei Teilen. Das klingt einerseits märchenhaft, was zu der Geschichte eines Mannes zwischen schöner Frau und hässlicher Geliebter passt. Andererseits wirkt es etwas konstruiert. Aber Stamm hat die Statik seines Textes hinter einer eleganten Fassade verborgen und so einen wohnlichen Leseraum nach Menschenmaß gebaut.

Das war dem Verfasser Verpflichtung; übt doch sein Paar, Alex und Sonja, den Architektenberuf aus. An den attraktiven Mann hat sich die reizlose Polin Iwona wie eine Klette geheftet. Vergnüglich ist, wie er jede Fluchtgelegenheit verstreichen lässt, spannend, wenn die Eheleute das beim Seitensprung gezeugte Mädchen adoptieren ...

Stamms Kunstgriff besteht darin, Interesse für Figuren zu erzeugen, die das gerade nicht sind, was er im höchsten Maße ist – sympathisch.

Quelle: op-online.de

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