Nur der Narr darf überleben

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Ein Alptraum, aus dem es kein Erwachen gibt: Claudia Mahnke in der Hosenrolle des Simplicius, der in die Wirren des Dreißigjährigen Krieges gerät.

Eineinhalb Stunden kurz, aber keineswegs schmerzlos: Karl Amadeus Hartmanns „Simplicius Simplicissimus“ nach Grimmelshausens barockem Roman ist ein Lehrstück über Kriegsleid mit der fatalen Quintessenz, dass nur der Narr überleben darf. Von Klaus Ackermann

Brechts episches Theater stand bei der Inszenierung von Christof Nel an der Staatsoper Stuttgart 2004 Pate, die in Frankfurt wieder aufgenommen wird. Mit der Erstfassung in solistischer Instrumentalbesetzung zielt Kapellmeister Erik Nielsen auf den emotionalen Kern von Hartmanns Klangreden. Hier mit der schon in Stuttgart überragenden Claudia Mahnke im Bunde, deren permanenter Alptraum in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges unter die Haut geht.

Vor trister grauer Mauer mit Treppenaufgang und Fenster zum Hinterzimmer (Ausstattung Karl Kneidl) proben Menschen in Alltagskleidung (Kostüme: Silke Willrett) schon Sterbensposen, wenn das Publikum noch auf Platzsuche ist. Dieser Verfremdungseffekt hat bei Nel Methode, der die drei Szenen aus der Jugend des Simplicius nutzt, um Kriegsgräuel anzuprangern, dabei Gegenwart und jüngere Vergangenheit einbezieht.

Der Bericherstatter aus dem Off

Wie ein Radiosprecher wirkt jener Berichterstatter aus dem Off, der kühl die Millionen Opfer des langwierigen Religionskriegs bekannt gibt. Während der darstellerisch und mit Sprechgesang stark beschäftigte Chor (Einstudierung: Matthias Köhler) irres Gelächter und Schreie stumm artikuliert.

Bei Nel findet das Hauen und Stechen außerhalb des Bühnenraums statt. Nur die tödlichen Folgen werden gezeigt. Auf kammermusikalische Klarheit ist Nielsen bedacht, dennoch rhythmisch energisch und mit scharfen Bläser-Zacken das dauerhafte Trauma eines geschundenen Menschleins klanglich manifestierend, was bis auf eine Schrecksekunde auch bei gutem Kontakt zu den Bühnenhelden gelingt.

Die von Hartmann bewusst eingebauten Zitate von den Nazis verfemter Komponisten wie Strawinsky oder Prokofjew bis hin zu Johann Sebastian Bachs Choral „Nun ruhen alle Wälder“ schüren indirekt die Intensität einer überwiegend sachlichen Klangsprache, bei der die Kriegstrommel den Ton angibt.

In diese grausame Welt wird der Simpl förmlich hineingeschubst, muss den Tod des Bauern miterleben, dessen Schafe er hütet, den Magnus Baldvinsson stimmlich unverkennbar gibt (den blutgierigen Landsknecht markiert Dietrich Volle mit Macho-Gehabe).

Simplicius Simplicissimus ist noch am 10., 13., 17., 25. und 27. September in der Alten Oper zu sehen.

Simplicius findet Unterschlupf bei einem gläubigen Einsiedel, der ihn zur Wahrheit verpflichtet. Franz van Aken, mit der Partie schon in Stuttgart befasst, hält seinen eindringlichen Tenor nicht unter Verschluss, schaufelt sein Grab und tippt sein Vermächtnis auf der Schreibmaschine, umgeben von Lemuren-artigen Gestalten mit stilisierten Koch- oder bischöflichem Hut – eins der wenigen szenischen Rätsel, vielleicht Simplicius in der Unterwelt.

Dessen Wahrheitsdrang macht ihn zum Narren einer Soldateska mit dem zynischen Gouverneur, den Hans-Jürgen Lazar lustvoll gibt, wie sein Hauptmann Florian Plock, stimmlich präsenter Kotzbrocken. Beide werden Opfer malträtierter Landleute, der Bauernaufstand spielt in Grimmelshausens Szenario rein. Und während Simplicius die Toten des Massakers zählt, meldet sich wieder der Berichterstatter.

An den Nahtstellen dieser epischen Oper sind Songs und Couplets zu erleben, die von Brecht/Weill stammen könnten und mit denen sich wiederum die stimmlich und darstellerisch enervierende Claudia Mahnke profiliert, ohne Klimmzug auch in scharfe Sopranhöhen gelangend.

Einzig ihr zur Seite in dieser mörderischen Männerwelt steht die legendäre Stuttgarter Primaballerina Márcia Haydée, jede Neben- zur Hauptrolle machend. Tänzerisch kreiselnd wie ein Tier im Käfig, als Sprecherin und selbst als vorgeführte Kurtisane immer noch große Dame. Zum Saisonauftakt ein aufregender Abend, der uneingeschränkt Beifall fand. Auch für die ungewohnte Opern-Kürze ...

Quelle: op-online.de

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