Horst Schroth

Neid als menschliche Konstante

Eine alte Geschichte. Tante Elsbeth, vermögend, ist gestorben. Die Familie trifft sich zur Testamentseröffnung. Das Wort Erbauseinandersetzung ist, wie in vielen Fällen, in einem nicht friedlichen Sinne zu verstehen. Es fliegt eine Tasse, das einzige einst auf der Flucht aus Ostpreußen herübergerettete Überbleibsel aus einem Service.

Mit diesem Corpus delicti in der hoch erhobenen Hand stürmt Horst Schroth auf die Bühne. Das ist völlig wider jede Logik, da die Tasse jener Erzählung nach, zu der er sogleich mit einer energischen Tirade anhebt, zu Bruch gegangen ist. Wie auch immer.

„Grün vor Neid“ heißt das Programm, mit dem der in Hamburg lebende Kabarettist bei den Sommernächten des Neuen Theaters auf der Terrasse des Frankfurt-Höchster Schlosses gastierte. Den Neid verfolgt der gedrungene Glatzkopf mit der grünen Krawatte bis zu Adam und Eva zurück. Eine menschliche Konstante, die ja durchaus nicht nur negativen Charakters sein muss, sondern auch zur produktiven Kraft des Antriebs werden kann.

Mit der elendiglichen Familien-Mischpoke samt eingeheirateter Gierschlange hält sich Schroth nicht allzu lange auf. Die Ausschweifung ist auch das Grundprinzip des Abends. Erinnerungen an die Tanzschule, die Überlegenheit der inszenatorischen Qualitäten der katholischen Kirche gegenüber den Langweilern von der evangelischen Konkurrenz, der klägliche Zustand der SPD, Frauen – und überforderte Männer, die von ihnen ein Höchstmaß an Einfühlsamkeit abverlangt bekommen und zugleich der feurige Latin Lover sein sollen, Anglizismen, DDR und so weiter und so fort. Eine Kraut-und-Rüben-Dramaturgie. Was eine taugliche Technik sein kann. Zur Rahmengeschichte kehrt Schroth bloß stippvisitenartig immer mal wieder zurück. Auch ist das Neidmotiv keineswegs ein durchgängiges. Ist vielleicht besser so.

Die Kunstfigur, die Horst Schroth sprechen lässt, der Hamburger Unternehmensberater Nick Nierhoff, ist im Grunde eine friedliebende und verträgliche Type. Bloß ist die Welt eine falsche. Und sie war früher, als die Menschen noch nicht „Freunde“ übers Internet sammelten, sondern von Angesicht zu Angesicht miteinander redeten, eine bessere. Ein wenig besser zumindest. Und früher war wohl auch Horst Schroth besser. „Grün vor Neid“ ist handwerklich solide gebaut. Das Gros der Pointen aber ist nur zu naheliegend. Kabarett as usual.

STEFAN MICHALZIK

Quelle: op-online.de

Kommentare