Neue Formen gesucht

„Idealer Frauenkopf“ von 1528

Michelangelo Buonarotti (1475 bis 1564) galt schon zu Lebzeiten als der „Göttliche“, der größte Künstler aller Zeiten. Doch trotz genialer Verschmelzung antiker und christlicher Elemente blieb die Kunst des Florentiners nicht unumstritten. Manch naturalistische oder sinnenfrohe Darstellung von Körpern muss für Auftraggeber des Vatikans ein Schock gewesen sein.

Das ist noch nachvollziehbar für den, der sich die Auferstehungsszenen Christi von 1532/33 in der neuen Städel-Schau in Frankfurt vor Augen führt. Der aus dem Grab entschwebende Corpus Christi wirkt ganz und gar weltlich, wie ein Adonis – und keineswegs geschlechtslos. So hatten sich kirchliche Würdenträger den für die Menschheit Leidenden nicht vorgestellt. Sie missbilligten auch Michelangelos Heilige in der Sixtinischen Kapelle (1534 bis 1541) und ließen sie mit Lendenschurzen bedecken.

Michelangelo zeichnete viel, signierte aber nie. Am Ende seines Lebens verbrannte er viele Blätter, hatte jedoch zuvor viele verschenkt. Es ist nicht einfach, die zwei Dutzend Zeichnungen im Grafischen Kabinett, darunter Leihgaben aus England und Italien, zuzuschreiben, zumal sich die Hand des Meisters mit Skizzen begabter Schüler mischt. Selbst eindeutig Michelangelo zugeschriebene Zeichnungen kontrastieren erheblich. Allen ist gemeinsam, dass sie sich von Bindungen an alte Überlieferungen befreien, um neue Ausdrucksformen zu erkunden.

Neben Michelangelos Kreidezeichnung des „Lazarus“ (1516) hängt die seines Freundes Sebastiano del Piombo, beide entstanden für die „Auferweckung des Lazarus“. Im Kontrast ist der Stil des Meisters zu erkennen: Er modelliert beim Zeichnen, hält sich nicht lange mit Material- und Flächenwirkungen auf. Ihn interessieren Anatomie, Dreidimensionalität sowie Interaktion von Körper und Raum. Bei anderen Blättern erkennt der Betrachter, wie er athletische Körper anlegt. In einigen Skizzen sind Meister und Schüler unterscheidbar – in der Genrestudie „Mädchen mit Spindel“ (1525) kaum.

Michelangelos akribisch ausgeführte „Ideale Köpfe“ zeigen den anderen Pol seiner genialen Zeichenkunst, meist Geschenke für Sammler wie der „Ideale Frauenkopf“ (1528) oder die Kopie eines Kriegerkopfes. Den Neuerer drängt es nicht nur nach Schönheit, auch nach ausdrucksstarker Hässlichkeit. Dafür stehen „Groteske Köpfe“ und Studien zu „Hercules und Antäus“ (1525).

In zwei kostbaren Briefen lernt der Besucher nicht nur Michelangelos Schrift kennen, auch die Umstände seines Wirkens. Seinen Gehilfen mahnt er 1518: „Arbeite hart und vernachlässige auf keinen Fall das Zeichnen. Benimm Dich anständig.“ 1548 schreibt er an seinen Neffen: „Ich schreibe Dir das, damit Dir nicht irgendein Schwätzer tausend Lügen schreibt“. Und fährt fort: „Sag dem Priester, dass ich nie ein Maler oder Bildhauer war wie die, die einen Laden führen, auch wenn ich drei Päpsten gedient habe, wozu ich gezwungen war.“ So unfrei war die „freie Kunst“ ... REINHOLD GRIES

„Michelangelo. Zeichnungen und Zuschreibungen“ im Städel am Frankfurter Museumsufer. Bis 7. Juni Dienstag bis Sonntag 10 bis 18, Donnerstag 10 bis 21 Uhr

Quelle: op-online.de

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