In neuen Dimensionen

Oliver Raszewski zeigt in den Räumen der Aulich-Merkle-Stiftung computergenerierte Malerei auf der Basis von Spam-Mails (vorn links).

Offenbach - Drei Künstler, die mit der langjährigen Sammlertätigkeit von Gisela Merkle eng verbunden sind und an der Hochschule für Gestaltung bzw. der Frankfurter Städelschule ihr Handwerk erlernt haben, zeigt eine Ausstellung im Offenbacher Kunstraum orth der Aulich-Merkle-Stiftung. Von Carsten Müller

Die Präsentation wirft einen Blick in die Zukunft der Stiftungsarbeit, die noch engeren Bezug zur Sammlung Gisela Merkles herstellen wird – und künftig an wechselnden Orten junge Kunst zeigen will.

Von den Sammel-Objekten im Foyer hin zu den Künstler-Räumen sind Entwicklungslinien feststellbar. Für Heide Weidele ist die Begegnung mit einem ihrer früheren Werke ein seltenes Wiedersehen, denn von ihren Arbeiten bleibt für gewöhnlich nur das Ausgangsmaterial übrig. Jeder Präsentation folgt zwingend auch die Demontage. Kunst ist in ihrer Sicht ein ewiger Kreislauf. Wen wundert es, dass sie sich bei den Hinterlassenschaften der Gesellschaft bedient und Plastikabfall zur Kunst erhebt?

Malerei im dreidimensionalen Raum

Am Städel in Malerei ausgebildet, wollte sie sich nicht auf die Fläche festlegen, sondern pendelt zwischen zweiter und dritter Dimension, projiziert Malerei in den Raum. Ihre Objekte scheinen chaotisch organisiert, doch folgen sie relevanten Prinzipien. Farb- und Lichtwirkung, Schattierung und Abstufung sind wohl bedacht. Ihre ursprüngliche Bestimmung sieht man den Wäschekörben, Rohren, Bügeln, Sieben und Eimern noch an. Doch jetzt tänzeln sie als Lüster im Raum oder gaukeln Seerosen-Blüten vor. Was ist Natur, was Abfall – wie ist unsere Wirklichkeit beschaffen? Heide Weidele stellt solche Fragen mit ironischem Unterton. Ihre Kunst aber bringt ernsthaft ins Grübeln.

Tief schürft auch der in Neu-Isenburg aufgewachsene Joachim Raab. Blickt mit seiner Malerei in einen Seelenwald, aus dessen dichtem Unterholz Erinnerungen und Emotionen aufscheinen. Mit feinem Pinsel zieht er seine Linien, bringt Farbpigmente in viele Acryl-Lagen ein, erzeugt dadurch unter brillanter Oberfläche Komplexität.

Joachim Raab lotet in seiner Acrylmalerei die Grenze zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion aus.

Der an HfG und Städel ausgebildete und in Frankfurt lebende Künstler hält seine Landschaftsbilder gekonnt in der Schwebe zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit. „Ich male Bilder, bis sie da sind“, wird er zur Serie „The Essence of My Woodlands“ zitiert. Es sind Resonanzräume für eine Sehnsucht nach Ursprünglichkeit, die er als Kind und Erwachsener bei Aufenthalten im Wald erfahren hat. Joachim Raab bringt diese Empfindungen in Fotografien, Silikonarbeiten und Gemälden an die Oberfläche. Und setzt damit einen poetischen Kontrapunkt zur medialen Bildproduktion, die absolute Wahrheiten vermitteln will.

Aus Plastikabfall komponiert Heide Weidele ihre Objekte.

Dass eine E-Mail absolute Wahrheiten liefert, dürfte niemand bezweifeln. In rasantem Tempo hat sich eine eigene Kultur der Korrespondenz etabliert, die althergebrachte Formen des Umgangs verdrängt. Die negativen Begleiterscheinungen sind bekannt. E-Mails fressen Zeit und kosten manchmal auch Nerven, besonders sogenannte Spam-Mails, mit denen Postfächer geflutet werden.

Der an der HfG ausgebildete Oliver Raszewski hat aus diesem lästigen Kommunikations-Müll einen Algorithmus entwickelt. So nehmen Werbebotschaften Potenzmittel in seiner computergenerierten Malerei als gepixelte Störungen vor linear strukturierten, chromatischen Farbräumen Gestalt an, als individueller Farb-Code mit eigenem Rhythmus. Das kommunikative Grundrauschen unserer Gesellschaft ist alltäglich. Oliver Raszewskis Kunst macht auf eine Dimension aufmerksam, deren innerer Zustand sich unserem Blick bislang entzogen hat.

 „Joachim Raab – Oliver Raszewski – Heide Weidele“ noch bis 21. April im Kunstraum orth, Frankfurter Straße 59, Offenbach. Geöffnet: Samstag und Sonntag von 11-14 Uhr und nach Vereinbarung.

Quelle: op-online.de

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